Streichkonzert in der Essener Kultur noch nicht beendet

Nikolaos Georgakis
Im März 2010 flammte der Protest gegen die Kürzungen im Kulturbereich auf – und wieder ab. Das Sparen geht aber weiter. Fotos: Kerstin Kokoska
Im März 2010 flammte der Protest gegen die Kürzungen im Kulturbereich auf – und wieder ab. Das Sparen geht aber weiter. Fotos: Kerstin Kokoska
Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool
Der Geschäftsführer der „Theater & Philharmonie“, Berger Bergmann, hat in der Saison 2010/2011 erneut mehr eingespart als erwartet. Das Minus von 42,5 Millionen Euro, mit dem die Stadt den Betrieb der TuP bezuschusst, fiel um etwa 300.000 Euro geringer aus. Nun sei der Kämmerer am Zug, heißt es.

Essen. In den Fluren der städtischen Theater erzählt man sich folgendes Schauermärchen. Ruft eines Tages Berger Bergmann, der Geschäftsführer der „Theater- & Philharmonie“ (TuP), bei einem Haustechniker an und fragt, ob er in sein Büro kommen könne, um den wackligen Schreibtisch zu reparieren. Als der Angestellte dies bejaht, bekommt er zu hören: „Ach, für so etwas haben sie noch Zeit?“

Märchen müssen nicht wahr sein, um eine Wahrheit über etwas Wesentliches auszusprechen. Und zum Kern der Theater-Realität in dieser Stadt gehört, dass Bergmann das tut, wofür er im Jahr 2008 geholt wurde: Er spart rigoros. Nicht etwa aus einer masochistischen Laune heraus, sondern strikt nach Vorgaben des Sparhaushalts. Dass er gleichzeitig das Niveau in der Philharmonie, dem Aalto und im Schauspiel halten soll, wird in diesem Zusammenhang nicht nur gerne erwähnt; es wird erwartet. Dass das geht, halten andere für ein Märchen.

„Der Speck ist weg“

Bleiben wir aber bei den Zahlen, die Bergmann seinem Aufsichtsrat in Gestalt des Jahresabschlussberichts für die Spielzeit 2010/2011 (das Dokument liegt der NRZ vor) am vergangen Donnerstag vorgelegt hat. Demnach ist es dem TuP-Chef gelungen, den „erwirtschafteten Jahresfehlbetrag“ des vorherigen Jahres zu unterschreiten. Das Minus von 42,5 Millionen Euro, mit dem die Stadt den Betrieb der TuP bezuschusst, fiel somit um etwa 300.000 Euro geringer aus als vorgesehen. Am kommenden Mittwoch sollen die Zahlen dem Kulturausschuss vorgestellt werden, weshalb sich vorher niemand öffentlich dazu äußern mag.

Zur Erinnerung: Bereits in 2009/2010 wurde das Defizit unter das vom Kämmerer geforderte Minus von 44 auf 43,33 Millionen Euro heruntergefahren. Damit konnte Bergmann seine Rücklagen auf 3,06 Millionen Euro ausbauen. Einige TuP-Angestellte legen das Bergmann als „übertriebenen Sparehrgeiz“ aus. Rückblickend betrachtet, lässt sich jedoch festhalten: Der TuP-Chef kommt mit vier Millionen Euro weniger aus als sein Vorgänger Otmar Herren. Das schont den städtischen Haushalt, das flößt den Kultur- und Finanzpolitikern in dieser Stadt gehörigen Respekt ein. Bergmanns Schreibtisch mag zwar immer noch wackeln, er sitzt jedenfalls fest im Sattel.

Intendanten auf Sparkurs

Mit der Erhöhung der Eintrittspreise allein war das Zahlenkunststück aber nicht zu vollbringen. Wie also macht Bergmann das? Nun, indem er seine Intendanten auf Sparkurs bringt. Das läuft freilich nicht ohne Konflikte ab. Anselm Weber zum Beispiel flüchtete aus dem Grillo ins Bochumer Schauspiel – aber nur, um dort wieder von Spardiskussionen eingeholt zu werden.

Und auch der Maestro im Aalto, Stefan Soltesz, fand in Bergmann seinen Meister in Sachen Haushaltsdisziplin. Seitdem wird weniger geprobt, was bei Orchestern tatsächlich Geld spart. Die ein oder andere Oper wird zudem schon mal ohne großes Theater, sondern nur mit dem Orchester aufgeführt. Und der Sonnenkönig aus der Philharmonie, Michael Kaufmann? Gilt als abgewickelt. Der Rest ist das, was man unter Unternehmensberatern ein „konsequentes Kostenmanagement“ nennt: Personalkosteneinsparungen (im Vergleich zum Vorjahr Minus von 300.000 Euro), Reduzierungen der Sachkosten und des Gästeetats (gegenüber der Spielzeit 2007/2008 Minus 3,7 Millionen).

Glaubt man dem Aufsichtsrat, war's das auch. Bereits im August vergangenen Jahres sagte ein TuP-Aufsichtsratmitglied der NRZ: „Der Speck ist weg, wenn wir weiter sparen, geht es an die Muskeln.“ Bergmann und seine Belegschaft haben geliefert, heißt es, nun sei der Kämmerer am Zug. Doch der hält sich vorerst bedeckt.

Mehrausgaben von 700.000 bis 800.000 Euro durch Lohnerhöhungen

Laut Ratsbeschluss schrumpft das von der Stadt zur Verfügung gestellte Budget für die „Theater & Philharmonie“ bis 2015 weiter – pro Jahr sind das zwei Prozent weniger. Das Streichkonzert ist also noch lange nicht beendet. Damit würde die TuP in den Jahren 2014 und 2015 auf unter 40 Millionen Euro Verlustausgleich rutschen. Zusätzlich soll der im Rahmen des vom Viererbündnis aus CDU, Grünen, FDP und Essener Bürgerbündnis beschlossene 1000-Stellen-Einsparplan bis zur Spielzeit 2012/2013 weitere Streichungen bei den Personalkosten bewirken – in Höhe von einer Millionen Euro.

Und damit nicht genug: Nicht berücksichtigt in all diesen Sparaufforderungen sind die erwarteten Tarifsteigerungen im Bühnenbetrieb, vor und hinter den Kulissen, sowie im Orchestergraben. Bereits eine Lohnerhöhung von zwei Prozent bedeutet Mehrausgaben von 700.000 bis 800.000 Euro im Haushalt. Die Konsequenz daraus dürfte aber nicht die Schließung einzelner Theatersparten sein, sondern eine Unterstützung durch die TuP-Mutter, der Stadt, fordern Kulturpolitiker. Bleibt diese aus, sieht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Märkische Allgemeine“ den Bestand der TuP „unmittelbar gefährdet“.

Bei den Tarifsteigerungen wird Hilfe angedeutet

Und so erzählt man sich in den Fluren der TuP und beim Viererbündnis in diesen Tagen auch noch ein anderes Märchen. Das vom Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen aus Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Je weiter man sich von diesem Tur Tur entfernt, desto größer scheint er. Wer neben ihm steht, erkennt jedoch, dass er nicht größer als ein gewöhnlicher Mensch ist. Will heißen: Die Sparanstrengungen der TuP sollen dadurch gewürdigt werden, dass die erwarteten Tariferhöhungen nicht von ihr allein geschultert werden müssen. Als Beispiel dafür wird die Suchthilfe-Einrichtung Café Kibbel genannt, die nur durch eine Budgetunterstützung in Höhe der Lohnerhöhungen gerettet werden konnte. Noch ist das aber nur ein aufmunterndes Szenario. Ein Märchen, wenn man so will, aber immerhin eines, das wahr werden könnte – heißt es im Viererbündnis.