Politik als Performance bei „Pact“ Zollverein

Sarah Heppekausen
Deutschlandpremiere: Die spanische Choreografin La Ribot zeigt „Llámame Mariachi“.
Deutschlandpremiere: Die spanische Choreografin La Ribot zeigt „Llámame Mariachi“.

Essen. Um die Kraft der politischen Rede geht es in einer Veranstaltungsreihe des „Pact“-Choreographiezentrums auf Zollverein im Dezember. Dieser sicher ungewöhnliche Zugang zum Sujet der politischen Rhetorik dürfte einer der Höhepunkte der kommenden Saison werden.

Das komplette Programm stellten die Verantwortlichen des Choreographiezentrums jetzt vor – die Präsentation begann mit einer Panne: Eigentlich wollten „Pact“-Leiter Stefan Hilterhaus und sein Team nicht nur das neue Saisonprogramm, sondern auf Bildschirmen auch die neue Webseite des Hauses präsentieren, interaktiv, live und in Farbe. Aber kurz zuvor ist der Server abgestürzt. „Murphys Gesetz hat zugeschlagen“, meint Sprecherin Nassrah-Alexia Denif. Und Geschäftsführer Christian Koch erklärt später: „Wir sind Opfer einer Hacker-Attacke geworden.“

Mittlerweile funktioniert die Webseite (www.pact-zollverein.de) einwandfrei, mit mehr Bildern und Trailern bietet sie mehr Einblick in die Produktionen. 19 sind es in dieser Saison, darunter eine Europa- und fünf Deutschlandpremieren. Wie gewohnt decken sie ein breites Spektrum zwischen Tanz, Performance und vielen anderen Künsten ab. Um für sie das Interesse zu wecken, reichen Hilterhaus das Wort und ein Mikro.

Nach drei Vorstellungen im Rahmen der Ruhrtriennale kehrt im Oktober eine Legende des zeitgenössischen Tanzes zurück nach Essen: Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker zeigt mit ihrer Kompanie „Rosas“ zwei Arbeiten aus den 80er Jahren, „Elena’s Aria“ am 11. und 12. Oktober und „Bartók/Mikrokosmos“ am 14. und 15. Oktober. Wer vor zwei Jahren bei Pact das Gründungsstück der Kompanie „Rosas danst Rosas“ gesehen hat, weiß, wie kraftvoll-bewegend auch ältere Choreografien sein können. Und was stilprägend bedeutet, kann der Zuschauer gleich mit studieren.

„Wir sind Opfer von Hackern geworden“

Im öffentlichen Programm des Symposiums „ImPACT“ präsentieren sich vom 27. bis 30. Oktober das argentinische Architektur-Kollektiv M7Red und der britische Videokünstler Phil Collins jeweils mit einer Lecture. Die spanische Choreografin und bildende Künstlerin La Ribot zeigt die Deutschlandpremiere ihres Stücks „Llámame Mariachi“, eine humorvolle Live-Performance mit ‚tanzender’ Kamera.

Mit Antonia Baehr darf gelacht werden. Am 18. und 19. November zeigt die Performancekünstlerin im Doppelprogramm „Lachen“ und „For Faces“, zwei Arbeiten, die tief blicken lassen, indem sie mimischen Ausdrucksformen auf den Grund gehen. Erneut auf dem Programmplan stehen die Experimentaltheatermacher von Forced Entertainment. Diesmal mit ihrer reduzierten Arbeit „Tomorrow’s Parties“ (2. und 3. Dezember), die sich unserer Zukunft widmet. „Eine tragikomische Bestandsaufnahme des Heute“, meint Hilterhaus.

Jede politische Rede hat Bühnenwirksamkeit. Die sollte sie zumindest haben, wenn sie überzeugen, vielleicht sogar manipulieren will. Auf die Theaterbühne schafft sie es in der Regel aber bloß als eine Szene unter mehreren. Bei „Pact“ steht die politische Rede bald im Mittelpunkt, als Performance. Vier Theatermacher aus Europa (Forced Entertainment-Kopf Tim Etchells sowie Barbara Matijevic und Guiseppe Chico), aus Kolumbien (Mapa Teatro) und Südafrika („Township-Tarantino“ Mmpulelo Paul Grootboom) ergründen die formalen und substantiellen Kräfte der Rede.

Die Reihe Powers of Speech (15. und 17. Dezember) wurde initiiert von der Siemens Stiftung und dem Kaaitheater Brüssel und ist eine der großen Säulen der kommenden „Pact“-Saison. Eine außergewöhnliche, die nach Hilterhaus „Erkenntnisgewinn durch Politik“ verspricht.

Und auch die Austauschplattform Atelier läuft weiter. Am 16. September und 11. November präsentieren die Nachwuchskünstler aus Hochschulen der Region Werkausschnitte und Skizzen ihrer Arbeit.