„Heim.Spiel.Essen“ - Normale Bürger auf der Grillo-Bühne mit Profi-Schauspielern

Sarah Heppekausen
Die Lust an der Konfrontation mit der wirklichen, uns umgebenden Welt ist ungebrochen im Theater. Echte Geschichten von ganz normalen Menschen – das ist seit einigen Jahren der Stoff für etliche, meist sehr erfolgreiche Theaterabende im ganzen Land. In Essen brachte es Anselm Weber mit seinen Stadterkundungen zu bundesweiter Aufmerksamkeit. Grillo-Intendant Christian Tombeil zieht seinem Vorgänger nach. Warum auch nicht? Echtheit berührt. Das ist kein Geheimrezept.

Essen. Die Lust an der Konfrontation mit der wirklichen, uns umgebenden Welt ist ungebrochen im Theater. Echte Geschichten von ganz normalen Menschen – das ist seit einigen Jahren der Stoff für etliche, meist sehr erfolgreiche Theaterabende im ganzen Land. In Essen brachte es Anselm Weber mit seinen Stadterkundungen zu bundesweiter Aufmerksamkeit. Grillo-Intendant Christian Tombeil zieht seinem Vorgänger nach. Warum auch nicht? Echtheit berührt. Das ist kein Geheimrezept.

Heimat und Glück sind die Themen von „Heim.Spiel.Essen“, dem aktuellen Laienprojekt, das am vergangenen Freitag Premiere in der Casa feierte. Regisseur Tom Gerber verarbeitete dafür Interviews von Essener Bürgern, die 2010 für die abgesagte Inszenierung „Winterreise“ von Bernarda Horres geführt worden waren. Vier der insgesamt 14 Laien stehen im Mittelpunkt, es sind die ältesten unter diesen Experten des Essener Alltags.

„Ich heiße Theo und war früher jünger.“ Heute ist Theo Schmich 76. Er ist in Essen aufgewachsen, hatte Kohlestaub auf seinen weißen Hemden, hustet chronisch und schreibt Kurzgeschichten. Und da ist Ruth. Ruth Aetzler, 85, die Schauspielerin werden wollte, „aus x Gründen“ nach Essen gekommen ist und festgestellt hat, dass im Ruhrgebiet niemand fragt, ob du katholisch oder evangelisch bist. „Weil hier ja schon sehr viele Leute aus aller Herren Länder waren. Wegen des Bergbaus.“ Willi Nienhaus erzählt von seiner Arbeit als Anwalt und von seiner Hochzeit. Alfred Hollerbach von Hehlerei, Alkoholsucht und der Moschee, „die se da bauen“, der „neuen Brutstätte der Gewalt“.

Aber „Heim.Spiel.Essen“ ist nicht nur dokumentarisches Erzähltheater, das persönliche Lebensgeschichten, Weltanschauungen und Ruhrgebietsmentalitäten zum miniszenischen Mosaik verbindet. Den authentischen Menschen hat Gerber Doubles zur Seite gestellt. Das sind Profi-Schauspieler (Frank Buchwald, Jannik Nowak, Sven Seeburg und Silvia Weiskopf), die sich die Biografien ihrer Schützlinge wie die Perücke oder das Blümchenkleid überstülpen. Alter Egos, die selbstverständlich deutlicher sprechen und routinierter spielen, sich aber glücklicherweise nie in den Vordergrund drängen. Sie hätten es auch gar nicht leicht, so charmant, spielfreudig und augenzwinkernd wie die vier echten Menschen auf der Bühne agieren.

Die Schauspieler drücken der Inszenierung den Kunststempel auf, als Mittel bewusst offengelegt von der Regie. So verbindet Gerber Profis und Laien, Poesie und Prosa, Einzelszenen und chorisches Sprechen, Lebensgeschichten und Vita-Satzfetzen, Videoporträts der vier Laien in ihrem Zuhause und Aufnahmen von Menschenmassen in der Fußgängerzone. Brüche, die zu jeder Biografie gehören, sind Inszenierungskonzept. Mancher Einfall wirkt wie übereifriger Aktionismus. Aber der Humor der Darsteller ist zauberhaft. Die noch unbeschriebenen, weiß gekleideten Gestalten versammeln sich wie die Anonymen Heimatsucher: „Ich bin Volker und bin in Essen zuhause.“ Auf der Bühne bekommen sie Schauspieler, Kostüme und Geräuschkulisse als Ghostwriter ihrer Biografien. Das ist so simpel wie sympathisch.

Authentizität berührt.

Da verzeiht man schmunzelnd jeden Größenwahn: „Ich heiße Alfred. Ich bin der neue Bürgermeister von Essen.“