„Harras“-Krimis: Winfried Thamms Revier ist das Ruhrgebiet

Winfried Thamm kennt seine Heimatstadt Essen nur zu gut.
Winfried Thamm kennt seine Heimatstadt Essen nur zu gut.
Foto: WAZ
Deutschlehrer Winfried Thamm hat schon in seiner Jugend literarisch Blut geleckt. Die Hauptfiguren seiner „Harras“-Krimis leben mitten in Essen.

Essen.. Seit 1955 in Altenessen und später in Huttrop aufgewachsen, ist Winfried Thamm Essener durch und durch. Eigentlich ist Thamm Deutsch- und Kunstlehrer, doch er „hampelte immer zwischen drei kulturellen Ausdrucksformen herum: der Musik, der Kunst und der Schreiberei“. Diese Leidenschaften begleiten ihn bereits seit seiner Kindheit: Mit acht Jahren lernt er Klavier spielen, später Gitarre, außerdem schreibt er Lieder für seine eigene Band. Er versucht sich auch an Gedichten und Romanen und wird in seiner Jugend literarisch sowie künstlerisch von der Neuen Sachlichkeit in den Bann gezogen. In den 90ern tritt er mit einem Freund als Kabarettduo auf, für das er auch die Texte schreibt. Kabarett war dann zwar doch nicht so sein Ding, doch das Schreiben wie auch Theaterspielen entwickelte sich immer mehr und blieb. Irgendwann wollte Thamm dann „nicht mehr nur für die Schreibtischschublade schreiben, sondern auch mal ein Buch ‘rausbringen“.

Spießer trifft auf Egomanen

Gesagt, getan: 2010 wird sein erster Roman „Glück geht anders, Unglück aber auch“ veröffentlicht. 2012 erscheint der Krimi „Harras – der feindliche Freund“ im ocm-Verlag, dieses Jahr folgte die Fortsetzung „Harras – Alles wird böse“, dessen Hauptfiguren Henning und Harras selbstverständlich auch in Essen leben. Regionalkrimis also? Nicht ganz: Thamm wollte keinen typischen Ruhrgebietskrimi in Ruhrdeutsch schreiben, das sei „zu klischeehaft und pauschal“. Die Leute würden dadurch dumm und platt dargestellt, bemängelt Thamm. Tatsächlich wollte der Essener seine Geschichte in einen Rahmen betten, in dem er sich selbst gut auskennt: Henning und Harras leben, lieben und hassen in Essens Straßen und Kneipen, ihre Charaktere sind geprägt durch die teils familiäre, teils raue Atmosphäre der Ruhrmetropole. Was auffällt, sind einige Parallelen des Autors zu seinem Protagonisten Henning: die politische Gesinnung, das Klavierspiel, die Liebe zum Jazz, beide haben Frau und Kind. Besonders der Wert, den sie in der Familie sehen, verbinden den Autor und seine Schöpfung.

Trotz der Parallelen zu den Figuren sei die Geschichte jedoch keineswegs autobiografisch – er wollte auch „keine Bekannten darin verwursten“, denn das könne ganz schnell peinlich werden. Eine gewisse Sozialkritik ist dem insgesamt recht klassisch geschriebenen Roman nicht abzusprechen, der Hauptaspekt liege aber auf dem Plot, der sich um die komplizierte Hassliebe zwischen den beiden Männern windet.

Selbsterklärtes Ziel des Autors sei ein unterhaltsamer Krimi, der jedoch auf nachdenklich machende Art zwei Weltbilder aufeinanderprallen lässt: die beinahe spießbürgerliche Familienwelt des sozial und grün eingestellten Hennings trifft auf die verbitterte, nüchterne Einstellung des Egomanen Harras, für den die Welt von Grund auf schlecht ist. Während der erste Harras-Roman rückblickend geschrieben ist, ist der zweite sehr viel breiter angelegt: Der Leser taucht gänzlich in Hennings Leben samt Familie, Freunde und Firma ein. Die kriminalistische Handlung entwickelt sich übrigens erst in der zweiten Hälfte des Romans, in der die Freundschaft der beiden in Hass und Intrigen umschlägt. Wer also den klassischen Krimi mit Leiche am Anfang und Lösung am Ende erwartet, wird enttäuscht – ein bei dem Begriff „Regionalkrimi“ unvoreingenommener Leser wird jedoch mit einer soliden, unterhaltsamen Geschichte versorgt, die einen sowohl politisch als auch emotional ins Grübeln bringen kann.

Als Deutschlehrer und somit Mann vom Fach gelingt Thamm ein teils bewusst, teils unbewusst stilistisch gut strukturierter Roman mit einem angenehm klassischen, überwiegend neutralen Erzählstil.

 

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