Ein Kunstführer beschreibt das Kunstwerk Lichtburg

Christoph Wilmer stellt den Kunstführer „Die Lichtburg in Essen“ vor. Foto: Ulrich von Born
Christoph Wilmer stellt den Kunstführer „Die Lichtburg in Essen“ vor. Foto: Ulrich von Born
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Bewegt ist die Geschichte der Essener Lichtburg, von Deutschlands größtem Kinosaal. In einem Kunstführer hat Historiker Christoph Wilmer die Historie niedergeschrieben. Der Autor ist von dem Kino-Kunstwerk Lichtburg fasziniert.

Das Heftchen hat „nur“ 24 Seiten, doch es ist randvoll mit Informationen. Über die Lichtburg hat der Historiker Christoph Wilmer einen Kunstführer geschrieben. Durch die Lektüre des Werkes werden Kinofans und „kunstinteressierte Laien verstehen, warum die Lichtburg ein Kunstwerk ist“, sagt der Autor.

Es geht Wilmer nicht um Kriterien wie „Schönheit“, die sei für ihn aus der Sicht der Denkmalpflege nicht ausschlaggebend. Wilmer geht es um die außerordentliche Bedeutung dieses Bauwerks – und das in mehrerlei Hinsicht.

„Im Stil der neuen Sachlichkeit“

Städtebaulich etwa: Der Bau der Lichtburg in den 20er Jahren „im Stil der neuen Sachlichkeit“ sei auch Ausdruck des Wunsches der Essener in dieser Zeit gewesen, „wie eine Großstadt auszusehen“. Ergänzend übrigens mit dem Bau des Baedeker-Hauses und des Gebäudes, in dem heute P&C beheimatet ist.

Filmhistorisch natürlich: Eine Innengestaltung wie in einem Theater, modernste Technik schon in den Anfangsjahren – „die Zeitungen überschlugen sich damals vor Begeisterung“, sagt Wilmer. Zur Filmhistorie gehörten auch glamouröse Aufläufe auf dem Roten Teppich nach dem Zweiten Weltkrieg: „Die Lichtburg war das deutsche Premierenkino in den 50er und 60er Jahren.“

Kampf um den Erhalt

Und nicht zuletzt habe die Lichtburg eine enorme Bedeutung als Denkmal des langen Kampfes um den Erhalt, als wesentlicher Faktor für die Belebung der Innenstadt, sagt der Autor. Seine Bilanz nimmt er schon im Vorwort vorweg: „In mehrfacher Hinsicht ist die Lichtburg ein faszinierendes Objekt.“

Heute kaum zu glauben: Als die Lichtburg 1928 für 1999 Zuschauer pro Vorstellung eröffnet wurde, war sie nicht mal das größte Kino der Stadt, die Schauburg am Viehofer Platz hatte noch mehr Plätze. Zerstört im Krieg, wieder aufgebaut, die erste Kinokrise durch das Aufkommen des Fernsehens überstanden, die zweite durch den Boom der Multiplexe, der Denkmalschutz des Komplexes 1998, der Einsatz von Promis wie Wolfgang Niedecken und Wim Wenders für das Haus, die Übernahme durch die Essener Filmkunsttheater, die Rückkehr zu altem Glanz. Wenn, wie Anfang der 90er Jahre überlegt, die Stadt die Lichtburg für 40 Millionen Mark verkauft hätte, „dann stünde hier heute ein Ufa-Palast“, sagt Bernhard Wilmer.

Die Führer-Vorstellung bietet auch Gelegenheit, sanft an Mythen zu rütteln. In den 50er Jahren liefen in der Lichtburg nicht nur „Zwölf Uhr mittags“ oder „Die Brücke am River Kwai“, erzählt Bernhard Wilmer von den Filmkunsttheatern, „sondern auch ,Tante Wanda aus Uganda‘.“ Und in den 70ern „Schulmädchenreport“. Alte Aushangfotos zeugen davon. Der Legende Lichtburg hat das keinen Abbruch getan, meint Bernhard Wilmer, der Bruder des Autors. Für ihn ist noch ein weiterer Punkt ausschlaggebend: die Bedeutung der Lichtburg für die Menschen in der Stadt: „Für viele ist sie ein ganz fester Bestandteil der Essener Kulturlandschaft und ihrer privaten Geschichte.“ Nicht zuletzt deshalb sei auch das Seniorenkino so ein großer Erfolg. Mit Kinogängern, die in den 50ern schon kamen – „zu sechs ausverkauften Vorstellungen am Tag“, erzählt Wilmer. Über 10.000 Karten – „das schaffen wir heute selbst bei Harry Potter an Wochenenden nicht.“

Heft erscheint in der Reihe „Rheinische Kunststätten“

Christoph Wilmer ist direkt neben der Lichtburg auf das Burggymnasium gegangen, die Lichtburg fester Bestandteil seiner Jugend. Im Jahr vor der Kulturhauptstadt kam dem Historiker, der heute in der Eifel lebt, die Idee: einen Kunstführer über die Institution zu verfassen, quasi eine Kompaktform der Chroniken, die zu „runden“ Lichtburg-Geburtstagen bislang erschienen sind. Das Heft erscheint in der Reihe „Rheinische Kunststätten“ des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz und ist dessen 524. – das erste über ein Kino. Für die Initiatoren ist das keine Überraschung. So wie es Kathedralen der Industrie gebe, sei die Lichtburg eben eine „Kathedrale der Freizeit“. „Bei Zollverein würde auch niemand mehr bezweifeln, dass das ein Kunstwerk ist“, sagt Bernhard Wilmer.

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