Künstler bedauert Abbau der Skulpturen an der Philharmonie

Kopf ab: Eine der drei Schütte-Skulpturen wurde beim Abbau am Donnerstag stark beschädigt.
Kopf ab: Eine der drei Schütte-Skulpturen wurde beim Abbau am Donnerstag stark beschädigt.
Foto: Essen
  • Skulpturen-Gruppe an der Philharmonie wurde am Donnerstag abgebaut
  • Eine der drei Figuren kam beim Abbau zu Schaden
  • Künstler äußerte sich kritisch zu Abbau und Verhandlungen zwischen Stadt und Leihgeber

Essen.. Eigentlich war der Abbau der „Ganz großen Geister“ am Donnerstag dazu gedacht, die Kunstwerke des documenta-Künstlers Thomas Schütte vor möglichem Vandalismus und Zerstörung zu schützen.

Doch ausgerechnet beim Abbau hat eine der drei kostbaren Bronzen Schaden genommen. Beim Versuch, die tonnenschwere Skulpturengruppe von ihrem Platz vor der Essener Philharmonie zu entfernen, wurde eine der drei Geister-Gestalten unfreiwillig der Kopf abgetrennt. Offenbar war eine Schweißnaht gerissen bei dem Versuch, die in der Erde tief verankerte und zusätzlich wohl auch verklebte Figur mit dem Kran anzuheben. Den Essener Sammler Thomas Olbricht, der die „Ganz großen Geister“ seit 2004 vor dem RWE-Pavillon der Philharmonie als Leihgabe aufgestellt hatte, erreichte die schlechte Nachricht in New York. „Ich bedaure zutiefst, dass das passiert ist“, erklärte der Kunstmäzen am Donnerstag auf Anfrage dieser Zeitung, „aber der Schaden ist zumindest reparabel.“

Verlorener Kopf wird wieder angeschweißt

Auf großen Lastwagen wurden die spektakulären Bronze-Riesen nach dem Abbau in ein Kunstlager gebracht, wo der verlorene Kopf des einen großen Geistes nun wieder angeschweißt werden soll.

Bei der Behebung des Schadens wird dann auch Künstler Thomas Schütte gefragt sein, der sich um die Beschädigung der millionenschweren Kunst offenbar nicht allzu viel Sorgen macht: „Das ist nicht zerstört, das ist nur ein Schaden“. Im Grundsatz äußerte sich Schütte allerdings kritisch zum Abbau seiner „Ganz großen Geister“ und den Verhandlungen zwischen Stadt und Leihgeber: „Ich habe für keine der beiden Seiten irgendein Verständnis.“ Dass die tonnenschweren und fast vier Meter hohen Kunstwerke aus Sorge vor Diebstahl und Vandalismus entfernt würden, halte er für eine „Scheindebatte“, ließ Schütte gegenüber der Deutschen Presseagentur wissen. Nur mit einem Autokran könnten die Skulpturen bewegt werden.“ Der prominente Künstler hätte seine Arbeit offenbar gerne weiterhin in Essen gesehen. „Die Figuren sind ja bestellt worden und speziell für den Ort gemacht.“

Neuen Standort gibt es bisher nicht

Sammler Thomas Olbricht reagierte auf Anfrage am Donnerstag gelassen auf die Anwürfe des Künstlers, den er auf den anstehenden Abtransport aus Essen im Vorfeld auch aufmerksam gemacht habe. Schütte habe sich zwar recht sorglos gezeigt im Hinblick auf mögliche Schäden („da passiert schon nichts“). Aber „die Haltung des Künstlers ist das eine“, sagt Olbricht. Die Sorgfaltspflicht des Sammlers, der die Kunst versichern müsse,sei das andere.

In puncto Versicherung zumindest muss sich die Stadt Essen nach Angaben Olbrichts trotz akutem Schadensfall offenbar keine Sorgen machen. Zum Zeitpunkt des Abtransports sei die Schütte-Kunst bereits durch ihn versichert gewesen. Einen neuen Standort für die „Ganz großen Geister“ gibt es nach Angaben des Kunstliebhabers bisher nicht.

Abzug der „Ganz großen Geister“: breites Bedauern und Verständnis

Rolf Kayser ist ein Experte für die ganz schweren Fälle im Kunstbetrieb. Momentan transportiert der Düsseldorfer Kunstgießer beispielsweise die Skulpturen von Tony Cragg zum Ausstellungsort nach Paris. Gestern allerdings waren Kayser und sein Team kurzfristig zum Einsatz nach Essen ausgerückt. 2004 hat Kayser hier die „Ganz großen Geister“ von Thomas Schütte im Boden vor der Philharmonie verankert. Gestern musste er die dicken Schrauben und Platten im Erdreich wieder lockern. Auch für Kayser ein ziemlich seltener Vorgang. Zumal der Düsseldorfer Kunstgießer, der seit Jahren mit Thomas Schütte zusammenarbeitet und schon „Geburtshelfer“ der „Ganz großen Geister war, an diesem Morgen mit vielen anderen Zaungästen einer Meinung ist: „Einen besseren Platz gibt’s eigentlich nicht.“

Großes Bedauern herrscht an diesem Tag über den Abzug der gewichtigen Werke. SPD-Kulturpolitiker Hanns Jürgen Spieß nennt sie „zur Erkenntnis anregende Figuren, wie wir sie nicht häufig in der Stadt haben“. Der Abbau sei ein großer Verlust. „Wir verstehen allerdings auch die Sorge um Diebstahl oder Vandalismus“, heißt es in einer Mitteilung der FDP.

Vandalismus gab es bislang nicht

Auch bei der Theater und Philharmonie nimmt man mit einiger Wehmut Abschied von den wulstigen Bronze-Giganten. Schüttes Skulpturengruppe habe seit der Eröffnung des Hauses das Bild der neuen Philharmonie geprägt, sagt Sprecher Christoph Dittmann. Die Figuren und die Fassade des RWE-Pavillons hätten sich als „harmonisches Gebilde“ erwiesen. Ob in Zukunft neue Kunst auf die Terrasse am Stadtgarten ziehen wird, ist bislang völlig ungewiss.

,„Ich vermisse die Geister jetzt schon auf meinem Bildschirm“, lächelt Norman Hotop vom Sicherheitsdienst der Theater und Philharmonie. Per Videokamera hat man die Bronze-Riesen in den vergangenen Jahren immer fest im Blick gehabt. Vandalismus gab es bislang nicht, auch kein einziges Graffito. „Die Leute hatten Achtung vor der Kunst“, sagt der frühere Aalto-Sänger Erich Bär, der oft an der Skulpturengruppe vorbei kommt.

„Kein Drama. Den schweißen wir wieder an“

Begleitet von Kamerateams beobachtet Bär an diesem Morgen das Verschwinden der „Ganz großen Geister“, die mit Hilfe von Schlingen und Gurten in die Höhe gehoben werden, bis es plötzlich kracht und Nummer zwei der Geister-Gruppe unplanmäßig den Kopf verliert. Nach dem ersten Schreckmoment findet Kayser rasch zu rheinischer Zuversicht zurück. „Kein Drama. Den schweißen wir wieder an.“

Für Kunst-Sammler Thomas Olbricht, den die Nachricht von der unglücklichen Abbau-Aktion in New York erreicht, ist es wohl ein doppelt bitterer Moment. Zwölf Jahre lang habe in der Stadt kaum jemand Notiz von der großartigen Schütte-Kunst genommen, bedauert der Kunstliebhaber. Nun sind alle Kameras auf die schwindende Skulpturengruppe gerichtet. Wie so oft im Leben wird erst im Moment des Verlustes die Bedeutung mancher Dinge so richtig klar.

 
 

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