Essen

Kriminalpsychologin Lydia Benecke im DER WESTEN-Interview über gefährlichen Sadismus – „DAS ist sicher traumatisch“

Kriminalpsychologin Lydia Benecke kommt am 21. September in die Weststadthalle nach Essen.
Kriminalpsychologin Lydia Benecke kommt am 21. September in die Weststadthalle nach Essen.
Foto: Rhein-Konzerte GmbH
  • Kriminalpsychologin Lydia Benecke kommt zu einem Vortrag ins Revier
  • In Essen wird sie über „Sadisten: Tödliche Liebe“ referieren
  • Du kannst sie am 21. September in der Weststadthalle sehen
  • Vorab sprach sie Im Interview mit unserer Redaktion über sexuelle Neigungen, bastelnde Sadisten und den Rhein-Ruhr-Ripper

Essen. Der Rhein-Ruhr-Ripper Frank Gust tötete mehrere Frauen. Er war verheiratet, hatte ein Kind und hat parallel dazu seine sexuellen Tötungsfantasien ausgelebt.

Schwer vorzustellen, was ihn zu diesen schrecklichen Taten bewegt hat. Kriminalpsychologin Lydia Benecke versucht mit ihrem Vortrag „Sadisten: Tödliche Liebe - Geschichten aus dem wahren Leben“ in der Weststadthalle Essen diese psychologischen Abgründe zu erklären.

Im Ruhrpott kennt sich Lydia Benecke bestens aus. In Bottrop ist sie aufgewachsen, in Bochum hat sie studiert: Psychologie, Psychopathologie und Forensik. Seit 2009 arbeitet sie als Psychologin mit Sexualstraftätern zusammen und schreibt kriminalpsychologische Bücher.

Für die Zuhörer gibt es am 21. September „eine Art Kriminalpsychologieunterricht“, verrät Benecke. Wir haben vorab mit ihr über sexuelle Neigungen, bastelnde Sadisten und den Rhein-Ruhr-Ripper gesprochen.

DER WESTEN: Frau Benecke, wie kommt die Neigung zu sexuellem Sadismus zustande?

Lydia Benecke: Sexueller Sadismus ist eine festgelegte sexuelle Neigung, die sich während der Pubertät entwickelt beziehungsweise dem Betroffenen bewusst wird. Einvernehmliche, sexuelle Sadisten unterscheiden sich in ihren psychologischen Persönlichkeitsprofilen entscheidend von gefährlichen Sadisten. Die einvernehmlichen Sadisten mögen ihr sexuelles Gegenüber menschlich und wollen mit diesem zusammen etwas erleben, was beide schön finden.

Die gefährlichen Sadisten sind schwer bindungsgestört, weshalb sie ihr sexuelles Gegenüber als Objekt wahrnehmen, das sie zur Bedürfnisbefriedigung zerstören wollen. Gefährliche Sadisten haben schon früh heftige Vergewaltigungs- und/oder Tötungsfantasien, welche für sie die ultimative Quelle sexueller Erregung darstellen.

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Und ein potenziell gefährlicher sexueller Sadist, der sich jahrelang vorstellt, Menschen zu misshandeln gegen ihren Willen, vielleicht sogar zu töten, der muss nicht unbedingt selbst darunter leiden, dass er diese Fantasie hat, aber offensichtlich erzeugt er ein Leiden, wenn er diese Fantasie in die Realität umsetzt.

Auch hier gibt es zwei Untergruppen: Diejenigen, welche ihre Vergewaltigungs- und Tötungsfantasien ausleben wollen und jene, die dies auf keinen Fall wollen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die sexuellen Sadisten relativ selten vorkommen unter den Sexualstraftätern. Glücklicherweise.

Wieso lebt nur die eine Gruppe mit Vergewaltigungs- oder Tötungsfantasien ihre sexuelle Vorliebe aus?

Die gefährlichen sexuellen Sadisten leben das aus, weil sie nicht nur ihre sexuell sadistischen Fantasien haben, sondern zusätzlich ein paar Risikofaktoren in ihrer Persönlichkeit. Sie sind vermindert in den Bereichen Mitgefühl, Schuldgefühl und Angst vor Strafe.

Es gibt wirklich viele Menschen auf der Welt, die auch solche Fantasien haben, aber nicht zu Tätern werden. Das liegt daran, dass sie die emotionalen Hemmmechanismen Mitgefühl, Schuldgefühl oder Angst vor Strafe in ihrer Persönlichkeit aufweisen.

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Wie leben sie denn dann ihre Triebe aus?

Sie tauschen sich in der Regel in Internetforen oder in Chats aus, tauschen Bilder aus. Das sind dann entweder gemalte Bilder oder Fotos mit Schauspielern, die so tun, als ob sie gequält wurden. Es gibt auch Filme, die solche Szenen zeigen. Da wird auch relativ schnell klar, dass das nur gespielt ist, weil die Firma, die diese Filme macht, ihr Logo einblendet und sagt, dass das alles nur erfunden ist.

Wie haben diese Menschen sich denn befriedigt, bevor es das Internet gab?

Sie haben viel mehr gebastelt. Das ist kein Witz jetzt. Bei denen, die eine sexuelle Straftat begangen haben, hat man früher häufiger Mal Dinge zuhause gefunden. Entweder, wenn sie malen konnte, haben sie Bilder gemalt. Wenn sie nicht malen konnten, haben sie häufiger Mal aus Zeitungen Fotos ausgeschnitten und da mehr schlecht als recht Folterwerkzeuge drangemalt. Also: Weniger Gewaltpornographie gleich mehr bastelnde sexuelle Sadisten.

Wichtig ist, dass eine sexuelle Tötungsfantasie noch keinen Täter macht. Viele würden denken, wer solche Fantasien hat, wird auch zum Täter – aber nein, keineswegs.

Gibt es sadistisch motivierte Straftaten aus dem Ruhrgebiet, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Hier im Westen ist sicher noch der Rhein-Ruhr-Ripper Frank Gust bekannt. Der wurde 1999 verhaftet und 2000 wegen vierfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Mit dem Fall habe ich mich länger beschäftigt. Das ist ein Beispiel für einen gefährlichen sexuellen Sadisten. Er war verheiratet, hatte ein Kind und hat parallel dazu seine sexuellen Tötungsfantasien ausgelebt, hat immer wieder Frauen getötet. Zwei Prostituierte, eine Anhalterin und eine Verwandte.

Dass er ein Doppelleben zwischen Familie und Taten hatte, war besonders gruselig. Die bürgerliche Fassade befriedigt für solche Täter auch ein Bedürfnis, das sie haben. Aber sie lassen diese Bezugspersonen ja nie wirklich an sich ran, haben keine gesunde Beziehung zu diesen. Sie verbergen große Teile ihrer Persönlichkeit auch vor ihnen.

Das klingt schlimm für die Angehörigen. Was macht das mit deren Familie?

Das ist sicher traumatisch, wenn Sie herausfinden, dass ihr Partner, den sie lieben, solch beängstigende Teile seiner Existenz vor ihnen verbergen konnte. Die Tochter von einem verurteilten gefährlichen Sadisten hat ein Buch darüber geschrieben. Sie musste lange Zeit eine Traumatherapie machen. Sie war die ganze Zeit ein Papa-Kind.

Und als das Ganze aufgeflogen war, war sie schon erwachsen. Er war eine wichtige Bezugsperson. Und dann sagt er da vor Gericht: „Die waren nur Schachfiguren“. Das ist sicherlich ziemlich krass. Vor allem, wenn man sich vorstellt, wie sie überlegt hat, wo sie gerade war, als ihr Vater auf Mordtour war. Unter anderem hat er auch ein kleines Mädchen missbraucht und getötet.

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Könnte man also sagen, Sadisten sind gute Schauspieler?

Die Täter sagen sich: Dann bin ich jetzt halt in der Rolle „Vater“ und im nächsten Moment in der Rolle „Killer“. Das ist für sie kein Widerspruch. Die gefährlichen Sadisten sind immer auch psychopatisch. Und Psychopathen sind immer manipulativ. Und da schließt sich der Kreis.

Am 21. September halten Sie einen Vortrag zu diesem Thema in Essen. Wie abgebrüht müssen denn die Zuschauer sein, die zu Ihren Vorträgen kommen?

Es geht gar nicht um hartgesotten. Ich will nicht schocken. Ich verzichte auf jede Art von irgendwelchen Horrorbildern. Es ist eher so eine Art Kriminalpsychologieunterricht. Ich erkläre die Theorie, was man unter den unterschiedlichen Sadismustypen versteht und dann zeige ich Beispiele, wieso das jetzt ein einvernehmlicher oder ein gefährlicher Sadist ist. Und dann gibt es da auch noch Grenzfälle, wo jemand sagt: „Oh, da hatte ich einen Sexunfall und jetzt die die Person tot. Hoppala“, wo man dann genauer hinschauen muss, ob das jetzt ein Unfall oder vielleicht doch Absicht war.

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Wieso interessieren Sie sich gerade für dieses spezielle Thema?

Das fing schon an, als ich 11 war. Damals habe ich schon Bücher von amerikanischen Profilern gelesen. Ich hab auch immer Zeitungsartikel ausgeschnitten mit Straftaten. Die habe ich bis heute. Ich hatte da einfach ein Sonderinteresse. Ich habe die sogar kategorisiert. Sexuelle Straftaten sind da nur eine kleine Kategorie.

Am Samstag, 21. September, um 20 Uhr kannst du dir den Vortrag „Sadisten: Tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben“ in der Weststadthalle in Essen anhören. Tickets gibt es bei den bekannten Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse.

 
 

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