Kino-Weltstar Wim Wenders über die Jugend an Rhein und Ruhr

Wim Wenders verzichtete bei der Preisverleihung in der Essener Lichtburg auf eine offizielle Laudatio und sprach lieber über ganz persönlicheErinnerungen.Foto:STEFAN AREND
Wim Wenders verzichtete bei der Preisverleihung in der Essener Lichtburg auf eine offizielle Laudatio und sprach lieber über ganz persönlicheErinnerungen.Foto:STEFAN AREND
Foto: Stefan Arend
Regisseur Wim Wenders erhält den Rheinischen Kulturpreis. Er spricht über seine Jugend an Rhein und Ruhr und über Bilder, die ihm die Welt bedeuten

Essen..  Unter den namhaften Trägern des Rheinischen Kulturpreises wird Wim Wenders wohl auf ewig der einzige bleiben, der am Mittag noch in Berlin mit dem scheidenden US-Präsidenten Barack Obama zu Tisch saß, bevor er am Abend in Essen die Auszeichnung entgegen nahm. Und das natürlich im schönsten und größten historischen Filmpalast der Republik, der Lichtburg, an deren Rettung der Regisseur auch ein gutes Stück beteiligt war, wie Oberbürgermeister Thomas Kufen in seiner Rede noch einmal in Erinnerung rief. Anfang des Jahrtausends, als ein Teil der Essener Stadtpolitik plötzlich andere Pläne mit dem traditionsreichen Premieren-Kino hatte, da gehörte Wenders neben BAP-Sänger Wolfgang Niedecken nämlich zu den prominenten Fürsprechern, die in einer bis heute als historisch gewerteten Rathaus-Anhörung für den Erhalt der Lichtburg kämpften. Seither hat Wenders viele Werke in Essen vorgestellt hat – Filme wie „Land of Plenty“ oder die bewegende 3D-Hommage an Pina Bausch. Für all diese intensiven, wegweisenden Werke wurde der 71-Jährige jetzt ausgezeichnet. Ein Weltstar, der anlässlich der Preisverleihung viel lieber über seine Jugend zwischen Rheinland und Westfalen sprach als über seine Erfolge in Venedig oder Cannes.

„Ich wurde zum Star jedes Kindergeburtstages!“

In einem sehr persönlichen Rückblick ließ Wenders die Zeit vorüberziehen. Die dramatische Kaiserschnittgeburt in Düsseldorf, wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die frühe Erinnerung an Straßenbahnen, die durch Schuttberge fuhren, der Beinahe-Badeunfall auf Papas Rücken im Rhein, und natürlich die erste, völlig misslungene Begegnung mit dem Kino, weil die Oma den kleinen Wim irrtümlich statt in „Dick und Doof“ in einen Gruselfilm geführt hatte. Die panische Flucht aus dem Kino hat Wenders heute noch vor Augen, wie das väterliche Trostgeschenk, einen kleinen, alten Projektor. Da habe er entdeckt, wie großartig es ist, anderen etwas vorzuführen, sagt Wenders: „Ich wurde zum Star jedes Kindergeburtstages.“

Die Lust hat er bis heute behalten, dieser in der Düsseldorfer Altstadt einst ungeschlagene Flipper-Meister, Rübenkraut-Liebhaber und Europa-Idealist, der seine Jugend in Oberhausen-Sterkrade auch so geliebt hat, weil das Revier ein „Melting Pot“ war. „Polen, Italiener, Griechen, Jugoslawen – „allesamt waren sie damals höchst willkommen“. Dass dies heute wieder so leichtfertig aufs Spiel gesetzt würde, stimme ihn traurig, so Wenders. Trotzdem will er weiter diese großen, weltumspannenden Bilder schaffen, Wenders-Bilder, Welten-Bilder, denn Bilder bedeuten ihm von Kindheit an die Welt.

Anfangs wollte er diese Bilder malen, denn Regisseur zu werden, das schien in den 1960ern geradezu abwegig. Das einzige jemals verkaufte Bild sei an seinen langjährige Freund, den Autor Peter Handke, gegangen: ein Porträt von Mick Jagger. Vor ein paar Jahren habe er das Werk unter Handkes Rosenhecke wiederentdeckt, ziemlich verwittert: „Da hatte es was.“

Die anderen Bilder haben ihn weltberühmt gemacht, vom Himmel über Berlin bis zum Horizont von „Paris, Texas“. Der Film „Alice in den Städten“ brachte 1974 den Durchbruch. Da sagt die kleine Alice diesen einen Satz, der bei den Wenders längst zum geflügelten Wort geworden ist: „Essen ist gut.“

 
 

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