„Kinder sind für den Straßenverkehr nicht geschaffen“

Stephanie Weltmann
Katharina übt mit (v.l.) Martin Vollmer, Andrea Hucke und Verkehrspädagogin Ute Zeise ihren Weg zur Käthe-Kollwitz-Grundschule. Foto Walter Buchholz
Katharina übt mit (v.l.) Martin Vollmer, Andrea Hucke und Verkehrspädagogin Ute Zeise ihren Weg zur Käthe-Kollwitz-Grundschule. Foto Walter Buchholz
Foto: WAZ FotoPool

Essen. In der kommenden Woche werden Tausende Kinder in Essen eingeschult. I-Dötzchen müssen den Schulweg mit den Eltern möglichst oft üben. Verkehrspädagogin Ute Zeise mahnt Autofahrer besonders zum Schulanfang zur Vorsicht.

„Guck mal, Mama, der Hund sieht aus wie die Lilli.“ Katharina zieht an der Hand ihrer Mutter. Die beiden stehen an der Wittenbergstraße. Eigentlich soll die Sechsjährige auf die Ampel achten und auf die vielen Autos, die über die Hauptverkehrsstraße rasen. Den Hund, der da mit ihr an der Ampel wartet, findet sie aber sehr viel interessanter. Genau das ist das Problem.

In der kommenden Woche werden Tausende Kinder in dieser Stadt eingeschult. Wie Katharina werden sie zu Fuß bis zu zwei Kilometer zu ihrer Grundschule und zurück zurücklegen - zwei Kilometer, auf denen viel passieren kann, weiß Verkehrspädagogin Ute Zeise: „Kinder lassen sich sehr leicht ablenken, das muss man als Autofahrer einkalkulieren.“

Zeise gibt einige Beispiele: Kinder könnten Geschwindigkeiten nicht einschätzen und auch nicht zuordnen, wo Geräusche herkommen. Große Autos fahren langsam, rote immer schnell - das erwarten Kinder vom Straßenverkehr.

Zeise mahnt Autofahrer besonders zum Schulanfang zur Vorsicht: „Das sind ungeübte Verkehrsteilnehmer, auf die geachtet werden muss.“ Genauso nimmt sie aber auch die Eltern in die Pflicht: „Um Unfälle zu vermeiden, muss man den Schulweg frühzeitig mit seinem Kind trainieren.“ Und zwar nicht an einem ruhigen Sonntagmorgen, sondern zu der Zeit, an der Kinder auch wirklich zur Schule laufen müssen. Wichtig sei zudem, dem Kind nur einen Schulweg zu zeigen, und zwar den sichersten, nicht den kürzesten.

Jede Gefahrenquelle muss erklärt werden

Deshalb stehen Andrea Hucke und Martin Vollmer an diesem Mittwochmorgen mit ihrer Tochter Katharina an der dicht befahrenen Wittenbergstraße. Eigentlich hätten die Eltern lieber ein Busticket für ihr Kind, doch weil sie 300 Meter zu nah an der Grundschule wohnen, wird es von der Stadt nicht übernommen. Also wird Katharina laufen - das macht sie auch gerne. Mit Papa Martin läuft sie überall hin - zum Arzt, zum Kindergarten, zum Einkaufen. Sie weiß, dass sie nur bei Grün über die Straße gehen darf, dass sie am Zebrastreifen stehen bleiben muss und nach links und rechts schauen soll. „Da kommen Autos“, sagt sie. Und aus welcher Richtung kommen sie? Katharina zeigt nach links - Autos sind aber nur von rechts zu erwarten.

„Das kann ein Kind nicht wissen, deshalb muss man es ihm erklären“, sagt Zeise. Jede Gefahrenquelle müsse besprochen werden, sonst verstünden Kinder nicht, warum sie anhalten oder sich umschauen müssen. „Und dann achten sie auch nicht darauf, wenn sie einmal alleine unterwegs sein.“

Grundsätzlich sollte ein Kind erst dann ohne einen Erwachsenen zur Schule laufen, wenn es sich sicher fühlt und sich ohne Hilfe richtig im Straßenverkehr verhält. „Wir werden das komplette erste Schuljahr mit ihr mitgehen“, sagt Martin Vollmer. „Lieber auf Nummer sicher gehen.“

Zur Schule zu laufen, das ist wichtig für die körperliche Entwicklung

Der Radfahrer, der gerade an Katharina vorbeisaust, gibt ihm Recht: Die Wittenbergstraße ist abschüssig, mit Schwung sind Radler fast schneller als Autofahrer unterwegs. „Immer aufmerksam gucken“, mahnt Mutter Andrea. Denn Katharina hat den Radfahrer gar nicht gesehen, verträumt balancierte sie auf der Bordsteinkante.

„Kinder sind ich-bezogen und deshalb unberechenbar im Straßenverkehr“, sagt dazu die Verkehrspädagogin. „Sie rennen unüberlegt los und wundern sich, dass das nicht jeder einkalkuliert.“

Nun könnte man sagen: Warum der ganze Ärger? Fahre ich mein Kind doch mit dem Auto zur Schule. „Nein, eben das sollte man nun nicht regelmäßig machen“, sagt Zeise. Sich im Straßenverkehr zurechtzufinden, das stärke das Selbstbewusstsein der Kinder. „Sich viel zu bewegen ist außerdem wichtig für die gesamte Entwicklung eines Kindes.“ Gerade nach einem langen Schultag diene der Fußweg als wichtiger Ausgleich.

„Gebt auf mich Acht“

„Kinder sind für den Straßenverkehr nicht geschaffen“, sagt Verkehrspädagogin Ute Zeise. „Deshalb müssen wir den Verkehr kindgerecht machen.“ Autofahrer sollten vom Gas gehen und stets bremsbereit sein. Gelbe Spruchbanner, die die Verkehrswacht aus logistischen Gründen schon jetzt aufgehängt hat, weisen darauf hin. Achtung: Kinder können zwischen parkenden Autos stehen, auch hohe Büsche verdecken sie leicht. „Deshalb müssen sie auch immer reflektierende Kleidung tragen“, sagt Zeise.

Weitere Tipps an die Eltern: Schulweg üben, Gefahren ausgiebig erklären und dabei ein gutes Vorbild sein. Bei Rot stehen bleiben, Straßen nicht schräg überqueren, auch am Zebrastreifen abwarten, ob Autos stehen bleiben - „Kinder gucken sich dieses Verhalten von ihren Eltern ab.“

Die Schüler sollten zudem immer pünktlich losgehen, damit sie im Rennen nicht noch unaufmerksamer werden. Wer sein Kind zur Schule fährt, sollte einige Meter vom Gebäude entfernt parken, um andere Schüler nicht unnötig zu gefährden. Das eigene Kind steigt immer am Bordstein aus. Auch sonst gilt für Parker: Platz lassen, damit Kinder nicht ums Auto laufen müssen.

Katharina freut sich auf den ersten Schultag. Ein geblümtes Kleid will sie anziehen, passend zum pinkfarbenen Tornister. Ihr Wunsch: „Autofahrer sollen langsam fahren und mehr auf uns achten.“