Wenn Angst schon Kinder krank macht

Augen zu - und vertrauen: (v.l.) Katrin Clemen, Geronimo, Isabell, Jana, Nanna und Zippora.
Augen zu - und vertrauen: (v.l.) Katrin Clemen, Geronimo, Isabell, Jana, Nanna und Zippora.
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Fischlaken..  In dem bunt angestrichenen Bauwagen bullert die Heizung. Jana (16), Zippora (9) und Isabell (11) formen aus Knetmaterial kleine Figuren. „Angstmonster“. Kyra Clemen leitet die Mädchen nur kurz an, lässt sie erzählen, unterbricht nicht. Es ist ein Samstag mitten im Winter. Die Mädchen besuchen einen Kurs der „Schule Präsenz“ in Fischlaken. Sie leiden unter Angststörungen, manche auch unter Burn-out. Wie mittlerweile viele Kinder und Jugendliche.

Katrin Clemen hat das kleine Therapiezentrum 2008 gegründet. Mitten auf dem Land, als Teil eines Bauernhofs und mit Pferden als Co-Trainern. „In letzter Zeit kommen mehr und mehr Eltern zu uns, die nicht weiter wissen. Burn-out, Depressionen und Psychosen beginnen oft schon im Grundschulalter.“

Wie bei Jana. Sie hat eine lange Leidensgeschichte. Mit acht Jahren traten die ersten Angststörungen auf. Sie wurde in eine Klinik eingewiesen, bekam Antidepressiva. „Sie ist sehr klug, hochsensibel und hat unglaublich tolle Gedanken“, sagt Katrin Clemen. „Aber sie hat sich als Falschfahrerin gefühlt, unverstanden. Immer wieder gab es Probleme in der Schule.“

Seit drei Monaten besucht Jana die Therapie in Fischlaken. „Als sie zu uns kam, ging gar nichts. Sie wollte kaum mehr das Haus verlassen. Jetzt hat sie schon ein Praktikum auf dem Carolinenhof gemacht, einem integrativen Reiterhof in Oefte. Und sie will unbedingt nach Island reisen. Die Medikamente konnte sie mittlerweile alle absetzen“, erzählt Katrin Clemen.

Im Bauwagen wird derweil weiter an den Angstmonstern gearbeitet - und an der Angst selbst. Um Situationen, in denen man Angst hat und wie sich das anfühlt. Isabell erzählt von Bauchschmerzen, davon, dass die Kehle trocken wird. Von der Angst, ein Referat zu halten.

Vor dem Bauwagen wartet ihre Mutter Melanie. Sie ist glücklich über die Fortschritte, die Isabell macht. „Sie besuchte die fünfte Klasse eines Gymnasiums und hat einfach dem Druck nicht mehr standgehalten. Immer, wenn es schwierig wurde, traten Ängste auf. Sie zog sich zurück, zweifelte an sich selbst, entwickelte Höhenangst.“ Isabells Klassenraum lag in der dritten Etage - eine große Hürde für das ängstliche Mädchen, „aber die Lehrer hatten kein Verständnis und keine Zeit. Die Kinder mussten funktionieren, wurden wie Erwachsene behandelt. Und sie durften noch nicht einmal Spielzeug mit in die Schule nehmen.“ Isabell wechselte auf eine andere Schule. Und im Sommer 2015 begann sie, Kurse bei Katrin Clemen und ihrem Team zu besuchen. Melanie: „Wir fahren seither zweigleisig, sind hier und bei einer Psychologin.“ Langsam werde alles besser. „Die Ängste schleichen sich aus. Die falsche Schule war mit der Grund für ihre Probleme.“

Die „Angstmonster“ aus Knete sind mittlerweile fertig. Eines sieht fröhlich aus, das andere eher furchterregend. Sie stehen zum Trocknen auf der Heizung. Die Mädchen werden sie später mit nach Hause nehmen. Und sie anschauen oder anfassen, wenn die Angst wieder einmal kommt.

Zippora redet viel und schnell. Auch sie hat Angst. Davor, dass es in Deutschland einen Krieg geben könnte. Und vor einigen Jungen in ihrer Grundschule. Die hauen schon mal zu - sagt sie. „Zippora braucht ein bisschen Stärkung, mehr Selbstbewusstsein. Ihre Probleme sind verdeckt, nicht so offensichtlich“, sagt Katrin Clemen.

Selbstbewusstsein. Dabei helfen die Co-Trainer, die Pferde. Geronimo ist klein, gut genährt und geduldig. Er steht schon im Auslauf des Stalles und wartet.

Die Aufgabe für die drei Mädchen klingt eigentlich ganz einfach. Sie sollen die Augen schließen und sich von Katrin Clemen, Nanna und dem kleinen Pferd durch einen Parcours führen lassen. Nanna ist Juristin und suchte selbst einmal Hilfe in der „Schule Präsenz“. Jetzt arbeitet sie dort als Stress- und Mentalcoach. Die kleine Gruppe folgt mit geschlossenen Augen Kerstin Clemens Stimme und dem sicheren Tritt von Geronimo. Vertrauen, sich fallen lassen. Jana wird es kurz schwindelig, und Zippora mag die Augen gar nicht mehr öffnen. Sie drehen eine Runde und noch eine. Kerstin Clemen: „Dieses Angstmonster habt ihr auf jeden Fall schon einmal besiegt.“

 
 

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