Wenn Alltag Seele frisst

Das Team der Präsenz-Schule (v.l.): Katrin Clemen, Nanna Singer, Erhard Peitsch, Dagmar Lindenblatt - und „Balou“.
Das Team der Präsenz-Schule (v.l.): Katrin Clemen, Nanna Singer, Erhard Peitsch, Dagmar Lindenblatt - und „Balou“.
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Werden..  Draußen ist eisiges Winterwunderland. Die Pferde zupfen einzelne Grashalme aus der verschneiten Weide. Fischlaken im Winter. Ein bisschen wie Toscana in kalt. Aus den Kaminen der Bauernhöfe steigt Rauch in den knallblauen Himmel. Der Ort ist nicht von dieser Welt. Perfekt, um zu entspannen. Und Katrin Clemen hat ihn gut ausgewählt. Vor einigen Jahren hat sie dort ihre Präsenz-Schule eröffnet. Menschen, die dem Stress nicht mehr gewachsen sind, kommen zu ihr und ihrem Team. Das sind qualifizierte Mitarbeiter, die längst zu Freunden wurden, und die Pferde - als Partner und Trainer.

„Viele kommen erst dann, wenn gar nichts mehr geht“, sagt Katrin Clemen. Wir sitzen in einem umgebauten wohnlichen Bauwagen. Die Schaltzentrale. Weihnachtskekse auf dem Tisch. Und fast Kaffee. Aber das Wasser in der Maschine ist über Nacht eingefroren. Tee geht auch. „Wir müssen umdenken, andere Schwerpunkte setzen. Prävention ist wichtiger denn je“, sagt sie. Und das würde auch immer besser verstanden.

Anonyme Stunden fürdie Mitarbeiter

So wird Katrin Clemen im kommenden Jahr 40 Mitarbeiter des Ingenieurbüros Nordhorn aus Münster coachen. „Die Firmenleitung möchte, dass die Mitarbeiter bei der Bewältigung von Krisen und Stress gesund bleiben.“ Einen Workshop wird sie direkt vor Ort abhalten, zu anonymen Stunden kommen die Mitarbeiter nach Fischlaken. „Schließlich soll hier keiner auf Kollegen treffen, mit denen er sich sonst fetzt.“

Katrin Clemen will helfen, „auf die veränderten Zeiten zu reagieren. Gewalt spielt immer mehr eine Rolle. Man wird angerempelt, angeschnauzt“. Ihre Frage klingt nur beim ersten Hinhören provokant: „Man soll einfach mal versuchen, einen Menschen zu finden, der ein entspanntes und fröhliches Gesicht macht...“ Stimmt. Wird schwer.

Jeder zweiter Deutsche hat psychische Probleme. Wenn Alltag Seele frisst, leidet auch bald der ganz Körper. In einer Ecke des Bauwagens sitzt Stefan. Er ist seit 34 Jahren im Geschäft. Manager eines großen Unternehmens, im Vorstand, ist Dozent an der Uni, in unzähligen Lobbyverbänden, arbeitete fasst rund um die Uhr, lernte, wie man Menschen manipuliert. Alltag: 17 Stunden Flug nach Brasilien, acht Stunden gearbeitet, 17 Stunden zurück. Irgendwann kam er nach Hause, da war die Partnerin weg. Mit den Kindern. Dann noch ein Herzinfarkt. Und er zog die Notbremse. „Es geht darum, aus Fehlern zu lernen“, sagt Stefan. Schon lange lässt er sich von Katrin Clemen coachen - „weil eben nichts mehr ging“. Vieles hat er geändert, geht um 18 Uhr aus dem Büro, nimmt fürs Wochenende keine Arbeit mehr mit nach Hause. Zurück zu einfacherem Leben, zurück zu den Wurzeln. Das will Stefan. „Katrin ist mein Bremsklotz. Sie ruft auch schon mal bei meiner Assistentin an und lässt sie Termine streichen, wenn es zu viel wird.“

Stefan sagt, dass er früher ein Rambo gewesen sei. „Ich gehe jetzt völlig anders mit meinen Mitarbeitern und Studenten um.“ Er hat das Tempo herausgenommen aus seinem Leben. Er treibt viel Sport, ist oft mit seinen Kindern unterwegs, er kocht gerne und liest viel.

Es gibt bereits Kinder, diean Burnout leiden

Bei Stefan war es die totale Überlastung. Falsch gesetzte Prioritäten, die Arbeit als Leben.

„Doch heute gibt es bereits Kinder mit Burnout“, sagt Katrin Clemen. Neun Jahr alt ist das Mädchen, dass ihre Hilfe in Anspruch nimmt. Und immer mehr Studenten suchen bei ihr Rat. Das kann auch Nanna Singer bestätigen. Sie macht ein Praktikum in der Fischlaker Schule und will sich nach ihrem Jura-Studium jetzt zum Stress- und Mentalcoach ausbilden lassen. „Eine Mit-Studentin hat mir hinterher gesagt, dass sie mit einem Coach durchs Examen gekommen ist.“

Hilfe annehmen - immer noch ein Zeichen von Schwäche? Im Gegenteil - findet auch Nanna Singer. Sie hat selbst schwere Zeiten hinter sich - und „ich musste quasi neu lernen, durchs Leben zu laufen. Ich will nie mehr in die alten Muster zurückfallen. Ich kann jetzt laufen, ohne dass mir etwas passiert. Und das ist ein gutes Gefühl.“

Das Wasser in der Kaffeemaschine ist mittlerweile aufgetaut. Stefan muss jetzt doch los. Sein Sohn wartet. Große Ballen Heu liegen auf den verschneiten Weiden. Nanna atmet tief ein. Da draußen, da ist ein Hauen und Stechen... Das hat sie im Bauwagen gesagt.

Über Fischlaken liegt Stille.

 
 

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