Von der Kirche zum Familienhaus

Henrik Stan
Familie Stein aus Essen Kettwig hat die ehemalige Neuapostolische Kirche in der Eva-Holland-Strasse zum Wohnhaus umgebaut. Aufnahmen vom 7. Februar 2012. Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
Familie Stein aus Essen Kettwig hat die ehemalige Neuapostolische Kirche in der Eva-Holland-Strasse zum Wohnhaus umgebaut. Aufnahmen vom 7. Februar 2012. Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Kettwig. Fast auf den Tag genau ein Jahr liegt unser erster Baustellenbesuch am Eva-Hollands-Weg zurück. Die neuapostolische Kirche, im Februar 2010 aufgegeben und profaniert, bot spannende Anblicke: Durch Buntglasfenster werden Bauschutt und Staub in fast schon magisches Licht getaucht, Bauherr Eric Stein und Architekt Horst Beger inspizieren die Arbeiten. Um eine Fußbodenheizung verlegen zu können, muss der Estrich abgesenkt werden.

Wo sich vor Jahresfrist der Schmutz in allen Ritzen festsetzte, präsentiert sich nun eine Wohnhalle, die trotz 4,80 Meter hoher Wände und imponierender Grundfläche wohnlicher nicht wirken könnte. „Es ist ein menschenfreundliches Gebäude“, meint Manuela Stein, die am großen Esstisch zwischen Kicker und Klavier Platz genommen hat.

Gern spricht sie von ihrem Begegnungshaus“, denn gerade der Wohnbereich bietet sich für Gesellschaften an. Kleine Konzerte haben schon stattgefunden, die Akustik ist kolossal. Einen Fernseher sucht man hier vergeblich, statt dessen finden sich Bücher und ein Kicker.

Bis zu 30 Gäste finden Platz, ohne sich zu sehr auf die Pelle zu rücken. Am wichtigsten aber war den Eltern, dass sich ihre Töchter und ihr Sohn im künftigen Zuhause sofort wohlgefühlt haben.

Schief gegangen sei erstaunlich wenig in zehn Monaten Umbauzeit. „Abstriche von unserem ursprünglichen Plan mussten wir nur bei Kleinigkeiten machen. Aber das ist normal, auch wenn man ein Haus neu baut“, so die Kunsthistorikerin, die gerade ihr viertes Kind erwartet. „Die Räume bieten alles, was eine Familie braucht.“

Darüber hinaus aber auch Erlebnisse, wie sie nur eine ehemalige Kirche bieten kann. Die Lichtstimmungen ändern sich manchmal von Minute zu Minute. Das Farbenspiel zaubert sanfte Lichteffekte in den schlicht gestalteten Raum, die an Piet Mondrians abstrakte Kompositionen erinnern.

Die richtige Balance zwischen Alt und Neu zu finden beschreibt Manuela Stein als eines ihrer entscheidenden Anliegen. „Wir wollten dem Vorhandenen eine weitere Chance geben.“

Das gilt auch für einige Einrichtungsgegenstände. Derzeit lassen die Steins eine Kirchenbank aufarbeiten. Sie findet ihren Platz in der Diele als Teil der Garderobe. Auch ein Bibelregal aus Eiche fand Einzug ins Wohnkonzept. Leider unrettbar verloren ist eine alte Elektro-Orgel aus dem Fundus der Gemeinde. „Zwei Handwerker haben sich das Instrument angesehen. Beide meinten, da sei nichts mehr zu machen.“

Am Grundriss haben die Steins und Planer Beger nichts verändert. „Umwidmung“ nennen sie dieses Prinzip. Als besonders geglückt dürfte die Gestaltung der Empore über dem Entree gelten. Hier haben sich die Eltern ihren Rückzugsbereich geschaffen. Seine zur Wohnhalle gerichtete weiße Front bietet viel Fläche für Lichtspiele.

„Zu Beginn eines solchen Projekts stürzen unzählige Ideen und Tipps von Freunden auf dich ein“, erinnert sich Manuela Stein. „Was hätte man nicht alles verwirklichen können? Zwischendecken einziehen, eine Galerie an den Wänden entlang konstruieren…“ Alles verworfen! Das Ergebnis spricht für die Bauherren. Noch wartet Arbeit vor der Tür. Zwar gibt es bereits eine Terrasse, aber der Garten als solcher muss sich noch entwickeln. Ein Vorhaben, dem Manuela Stein gern das eine oder andere Jährchen zubilligt. Sie will beobachten, welche Möglichkeiten ihr die Natur für die Gestaltung einräumt.

Den Parkplatz neben dem Anbau gibt es nicht mehr. Aus zwei Gründen: Flächenversiegelung rückgängig zu machen, nie die allerschlechteste Idee. Und außerdem spart man Abwassergebühren, weil Regen versickert und nicht in der Kanalisation landet.

Womit wir bei der Kostenfrage wären. Trotz klirrender Kälte herrschen in der Wohnhalle behagliche Temperaturen. Die Fußbodenheizung bollert aber nicht bis zum Anschlag. „Stufe vier von sechs reicht völlig aus“, freut sich Manuela Stein. Den Kamin hat die Familie zwar schon in Betrieb genommen, zur Wärmeversorgung nötig sei das aber nicht gewesen. Inwieweit sich die Solarkollektoren auf dem Dach des Anbaus auf die Heizkosten auswirken, muss sich noch erweisen. Die insgesamt positive Zwischenbilanz in punkto Energieverbrauch erklärt sich bei der Untersuchung des Baukörpers. 40 Zentimeter dick sind die Außenmauern, die Ausrichtung nach Südosten sorgt für optimale Sonneneinstrahlung. Trotz der stattlichen Wohnfläche werden sich die Betriebskosten in Grenzen halten.

Die Investitionen taten das auch. Kauf von Grundstück und Gebäude sowie der Umbau dürften günstiger gewesen sein als ein neues Eigenheim.