„In der Gesellschaft brennt es“

Katrin Clemen (2.v.l.) und ihr Team von der Schule „Präsenz“.
Katrin Clemen (2.v.l.) und ihr Team von der Schule „Präsenz“.
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Werden..  Ein Besuch bei Katrin Clemen ist immer auch ein bisschen wie Urlaub. Auf einem Bauernhof inmitten der Fischlaker Felder hat sie 2008 eine Schule gegründet. Präsenz hat sie sie genannt, Kommunikation und Körpersprache waren und sind ihre Themen.

Stress, Burnout, Depressionen, ein viel zu schnelles Leben, kaum mehr Zeit für sich selbst - Menschen, die das Tempo nicht mehr mitgehen wollen und können, suchen Hilfe. Bei ihr und ihrem Team. Dazu gehören von Beginn an auch die vier Pferde als Partner. Sie erleichtern oft den Zugang, bringen Knoten zum Platzen.

Weiden, Ställe und Pferde, die friedlich grasen, ein bunter Bauwagen als Zentrum. Mit Kaffeemaschine, einem Teller voller Kekse auf dem Tisch. Hier ist Zeit, um zu reden. Oder um zuzuhören. „Dass ich schon im siebten Jahr hier bin, kann ich kaum glauben“, sagt Katrin Clemen. Ihre Schule läuft. Und das immer besser. Aktuell hat sie ihr Team erweitert. Dazu gehörten schon immer Daggi, die gute Seele, Frau für Vieles und eigentlich fast Alles, und Erhard, der Arzt aus Mülheim.

Jetzt ist auch Nanna fest mit dabei. Die 30-jährige Juristin arbeitet als Stress- und Mentalcoach. Sie kam als Patientin zu Katrin Clemen. Ein massives Burnout hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Von der Traurigkeit von damals ist nichts geblieben. Sie lacht gern, ist offen und lebensfroh. Und das will sie bei „Präsenz“ weitergeben. „Ich werde verstärkt für Kinder und Jugendliche zuständig sein. Wir hängen mit unserem Bildungssystem sicherlich 30 Jahre hinterher - und man spürt die Folgen.“

Ein neunjähriger Junge mit Burnout? Keine Seltenheit, aber traurig genug. Kinder müssten heute einfach nur funktionieren - das gehe aber auch anders. Nanna kann und will helfen. Auch Studenten. Bei der Prüfungsvorbereitung zum Beispiel. „Aber ich entwickele auch Gesamtkonzepte.“ Ihre Arbeit ist nicht an den Standort Fischlaken gebunden. „Ich komme auch gern zu den Menschen nach Hause.“

Beim Thema Lernen kann besonders Erhard kaum an sich halten. Er ist wütend, denn „in der Schule findet kein Prozess des Reifens statt. Die Kinder müssen lernen, lernen - und sie stehen unter einem enormen Druck.“

In der Schule findetkein Prozess des Reifens statt

Aber auch die Belastung der Eltern nehme immer mehr zu. „Die haben mehr und mehr Angst, dass ihr Kind es nicht schafft. Es brennt wirklich. In vielen Bereichen der Gesellschaft“, sagt Katrin Clemen. Und sie erinnert sich an den kleinen Jungen, der vor ihr stand und sagte: „Erwachsener werden will ich nicht - die sind immer nur müde...“

Die Nachfrage nach professioneller Hilfe steigt, und neben dem Einzelcoaching will sie jetzt auch eine Paartherapie anbieten und „einen Mütterkurs, der ohne die Kinder stattfinden wird. Dabei will ich den Frauen Rückendeckung geben, bei der Standortbestimmung helfen“. Und Fortbildungen für Kursleiter stehen auf dem Programm.

Neu im Team ist auch Steffi. Sie ist Yogalehrerin, kennt sich auch bestens im Umgang mit Pferden aus. Das passt einfach. „Viele Menschen haben einfach kein Körpergefühl mehr, dabei muss man sich doch dort zu Hause fühlen. Und eine Tiefenentspannung ist wie Mini-Urlaub“, sagt sie.

Auch Steffis Arbeit ist nicht an die Schule in Fischlaken gebunden. „Ich besuche die Menschen auch sehr gern in ihrem privaten Umfeld. Das trägt noch zusätzlich zur Entspannung bei.“

Und dann sind da noch Katrin Clemens Pläne. Sie möchte erweitern, einen zweiten Standort aufbauen. In Dänemark, in Nordjütland. „Da kann man auch mal für länger ausspannen. Dort ist quasi forgotten land. Das Tempo ist verlangsamt - ziemlich perfekt für eine Auszeit.“ Lange Spaziergänge in der Natur - ob in Fischlaken oder Nordjütland - und gute Gespräche seien wichtig.

Katrin Clemen lernt jetzt erst einmal die dänische Sprache.

 
 

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