Holocaust-Überlebender zu Gast in Werden

Daniel Henschke
Peter „Joop“ Snep ist Zeitzeuge, hat das KZ Sachenhausen überlebt. Er war am Gymnasium Werden zu Gast.
Peter „Joop“ Snep ist Zeitzeuge, hat das KZ Sachenhausen überlebt. Er war am Gymnasium Werden zu Gast.
Foto: WAZ
Der 94-jährige Niederländer Peter Josef Snep hat das KZ Sachsenhausen überlebt und - gemeinsam mit seinem Vater - vielen Juden das Leben gerettet.

Essen-Werden.  Vorn sitzt ein alter Mann. Laut und klar tönt es aus den Lautsprechern. Dieser Mann hat was zu erzählen. Konzentriert und still wie selten hören ihm die Schüler zu. Nach seinem bewegenden Vortrag darf die Oberstufe des Gymnasiums Werden auf die Bühne kommen, Fragen stellen. Und er fragt auch: „Wie heißt du denn? Ach, ein schöner Name…“

Ein charmanter Typ, dieser Peter Josef Snep, genannt Joop, der aus Amsterdam anreiste, gemeinsam mit seiner Tochter und weiteren Verwandten. 94 Jahre ist er alt, Jahrgang 1921, berichtet mit fester Stimme von seinem Überlebenskampf. Joop Snep überstand das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Felicitas Schönau, Schulleiterin des Gymnasiums, begrüßt die Gäste in der Aula. Kein Platz ist frei. „Noch nie konnte hier ein Zeitzeuge über das Grauen sprechen, das Deutschland über die Welt gebracht hat. Herr Snep wird uns mit erstaunlicher Klarheit und Frische aus eigenem Erleiden berichten. Für uns als Nachgeborene ist der Holocaust unbegreiflich, darum sind wir umso dankbarer, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben.“

Zufälle gibt es. Gleich im ersten Teil des Gespräch entdeckt die Schulleiterin eine verblüffende Parallele, wohnte sie doch genau in dem Bonner Haus, in dem auch Snep schon lebte. Da war er noch jung, zog bald mit der Familie nach Amsterdam. Denn Vater Peter, einem Holländer, wurde es 1930 in Deutschland zu unsicher: „Hitler ist ein Schweinehund“, sagte er.

Der Vater gab seine Möbelfabrik auf, wurde Reiseführer für die zu Beginn der 1930er Jahre aufkommenden Busreisen. Ins Rheinland, in den Harz, in die Schweiz. Auf seinen Touren besuchte er natürlich auch alte Freunde, darunter viele Juden. Snep half kurzentschlossen, indem er sie als Mitreisende ausgab: „Dann wurden einfach fünf, sechs Freunde mit in den Bus gesetzt!“ Die Busse wurden nicht kontrolliert, so ging es unbehelligt über die Grenze nach Holland.

Papiere ohne das verräterische „J“

Als 1940 dort die Deutschen einmarschierten, mussten die Juden erneut fliehen. Wieder half Vater Snep ohne Bedenken. Nun mussten gefälschte Papiere ohne das verräterische „J“ her, der 20-jährige Sohn Josef wurde eingeweiht und „Mitverschwörer“. In kleinen Gruppen ging es nachts zu einem Bauernhof, der auf der Grenze zu Belgien stand. Von dort wurden die Flüchtenden durch Frankreich in die Schweiz geführt. Vater und Sohn retteten vielen Menschen das Leben.

Der Chef der Gestapo Amsterdam wollte Joop Snep als Spitzel akquirieren. Der verweigerte sich, landete im KZ-Durchgangslager Amersfoort. Dann ging es mit dem Zug in den Osten. In Berlin angekommen, wurden die Gefangenen aneinander gekettet über den Alexanderplatz geführt, mit der Straßenbahn ging es ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort traf er den Vater wieder, beide wurden der unmenschlichen „Schuhläufer“-Strafkompanie zugeteilt. Hier wurden für große Fabriken auf einer Test-Strecke mit Schotter, Sand, Lehm und Schlacke neue Materialien für Schuhsohlen geprüft. Snep sah Grauenvolles: „Einer protestierte, da wurde er sofort totgeschlagen.“ Immer rum um den Appellplatz, den ganzen Tag lang, „wir sind 45 Kilometer marschiert. Die Bewacher von der SS, die mitgingen, wurden jeweils nach einer Stunde ausgewechselt“.

Sie hatten Glück, überstanden drei Wochen der Tortur, da der Vater ein erprobter Wanderer und der Sohn ein Leistungssportler war. Andere dagegen waren durch die Mangelernährung zu schwach, täglich starben viele Läufer. „Ich wog bei meiner Verhaftung 72 Kilogramm, wenig später brachte ich nur noch 49 auf die Waage.“ Ein verkapptes Todesurteil, wer zusammenbrach, bekam den Genickschuss.

In der Großküche Kessel auskratzen

Nun half der gelernte Beruf als Möbeltischler. Peter und Joop erledigten Holzarbeiten, wurden ins KZ Lichterfelde verlegt und im SS-Sanitätshauptamt eingesetzt: „Dort gab es zwei anständige SS-Leute, Österreicher, die ließen uns in der Großküche die Kessel auskratzen, da haben wir uns vollgefressen.“

Dann das Unglaubliche: „Himmler hatte befohlen, dass sich die holländischen Jünglinge in der Heimat zum Arbeitseinsatz melden sollten. Was waren die Deutschen dumm. Sie haben mich in den Zug gesetzt, ohne Bewachung. In Amsterdam bin ich untergetaucht!“