Geheimnisvolle Kraft der Gregorianik

Klaus Ohm singt seit 60 Jahren in  der Schola Cantorum Werdenensis.
Klaus Ohm singt seit 60 Jahren in der Schola Cantorum Werdenensis.
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Essen-Werden. Paragraphen oder Noten? – Das war die Frage, die sich Klaus Ohm (75) in Werden als junger Mann damals zu Beginn seines Studiums stellte. Er entschied sich für die Noten, kehrte der Jurisprudenz den Rücken und wurde Pädagoge sowie Kirchenmusiker, mit dem besonderen Akzent auf die Gregorianik. Das Examen bestand er mit Prädikat.

Freilich schien sein Weg schon vorgezeichnet, als Werner Lortz, späterer Leiter des Werdener Pfarrorchesters, den neunjährigen Klaus als Sopranstimme für die neue Knabenschola des Kirchenchores St. Ludgerus entdeckte. Familie Ohm war 1946 von Lahnstein her nach Werden gekommen und mit Überzeugung geblieben, auch der Historie wegen. Und der Musica sacra.

Die Gregorianik prägte von nun an den jungen Klaus. Im jetzigen Frühjahr blickt er auf 65 Jahre „seiner“ Choralmusik zurück und auf die Werdener Geschichte.

Seit mehr als 1200 Jahren haben die Gregorianischen Gesänge als feierliche Liturgieform in Werden ein festes Zuhause. Das 799 vom heiligen Ludgerus gegründete Benediktinerkloster, das sich zu einem geistigen und geistlichen Zentrum entwickelte, gehörte zu den fünf bedeutenden Klöstern in dem geografischen Raum, der heute Europa heißt. Die Werdener Mönche übernahmen und pflegten die von Papst Gregor (560-604) gesammelten Singeweisen in lateinischer Sprache, die von Kaiser Karl dem Großen als einheitliche Form des Gottesdienstes gefördert wurden.

Die Werdener hielten nochnie viel von Verboten

Die Werdener Mönche haben 1000 Jahre diesen Chorgesang bewahrt – bis Napoleon ihn verbot. Doch die Werdener, die noch nie viel von Verboten hielten, haben ihre Choralmusik weiter behalten, es soll ja von ihr auch eine geheimnisvolle Kraft ausgehen...

Sie überlebte Kriege und Revolutionen. Klaus Ohm hat sich mit ihrer Geschichte befasst, speziell mit der in Werden. Er erzählt: „Im August 1877 hat der Werdener Tuchfabrikant Matthias Wiese den Kirchenchor St. Ludgerus gegründet, und der griff die überlieferten Choralgesänge auf, die nun von den Männerstimmen an hohen Feiertagen gesungen wurden“. Mitte des 20. Jahrhunderts sammelte dann Kantor Walter Kämpfer ein paar junge Leute um sich und bildete mit ihnen eine Choralschola, die heutige Schola Cantorum Werdinensis.

Ohm, der damals zu den Ersten gehörte, ist als Einziger noch immer dabei und aktiv. Er berichtet: „Als 1953 Hugo Berger Nachfolger von Kämpfer wurde, löste sich die Schola eigenständig vom Kirchenchor und sang nun jeden Sonntag im Hochamt, wobei Hugo Berger den bis dahin einstimmigen Choralgesang mit der Orgel untermalte“.

1974 übernahm Kantor Heribert Seiffert ein schwieriges Erbe, denn die lateinische Sprache verlor in diesen Jahren an Wertschätzung, die Schola wurde gar zeitweise in Frage gestellt. Sie überlebte auch das. Kantor Seiffert engagierte sich sehr. 1992 folgt ihm Kantor Andreas Kempin, der sofort dynamisch die Popularität der Schola wieder steigerte. Mit einer eminenten Unterstützung im Rücken: Godehard Joppich, Professor für Kirchenmusik an der Folkwang-Hochschule.

Das gute Einvernehmen mit Folkwang ist geblieben: Professor Stefan Klöckner, Ordinarius des einzigen Lehrstuhls für Gregorianik in Deutschland und erfolgreicher Befürworter, dass dieser Lehrstuhl in Werden bleibt, respektiert das Bemühen der Ludgerus-Schola.

Die trifft sich alle drei Wochen freitags im Benediktsaal des Schatzkammerhauses zu Proben. Sie sind zu Elf, lassen aber keinen Vergleich zu Fußballmannschaften zu und möchten auch nicht „Dom-Kosaken“ genannt werden, sind kein Gesangverein und gehen nicht auf Tournee.

Der älteste von ihnen ist 85, der jüngste Mitte 40, sie hätten gerne jüngeren Nachwuchs. Doch meint Klaus Ohm: „Die Jungen gehen erst mal studieren, dann heiraten sie. An uns denken sie erst, wenn ihre Kinder bald aus dem Haus gehen“.

Nach benediktinischer Regel stehen die Choralsänger im Halbkreis vor dem Hochaltar, in helle Kutten gekleidet. Sie sind sich der alten Tradition bewusst. Klaus Ohm als Sprecher der Schola: „Die Gregorianik ist die Basis, auf der auch die Klassische Musik entstand - das sollte man nie vergessen“.

 
 

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