Depression ist ein verdrängtes Leiden

Christina Myrach und Ulrich Tonder von der Werdener Selbsthilfegruppe Depression.
Christina Myrach und Ulrich Tonder von der Werdener Selbsthilfegruppe Depression.
Foto: WAZ FotoPool

Essen-Werden.  Vor fünf Jahren nahm sich der Fußball-Nationaltorwart Robert Enke das Leben. Er litt unter Depressionen. Was hat sich seitdem in der Bevölkerung und der Öffentlichkeit geändert? Viel zu wenig - so lautet das Fazit von Christina Myrach und Ulrich Tonder, die der Werdener Selbsthilfegruppe Angst und Depressionen angehören und selbst unter dieser Krankheit leiden.

„Es wird wohl offener über seelische Ängste gesprochen, und die Krankheit wird nicht mehr so oft versteckt“, sagt Ulrich Tonder. Dennoch sei ihre Tabuisierung und Stigmatisierung immer noch aktuell. Es bestehe leider immer noch zu wenig Interesse an einer ernsthaften Aufklärung und Prävention, bemängelt der 69-Jährige.

Er arbeitet in zwei Selbsthilfegruppen für psychisch Kranke und weiß: „Nur wer erkennt, dass sein Seelenheil gefährdet ist, und um Hilfe bittet, hat gute Chancen, kuriert zu werden. Problem aber ist, dass viele ihr Leiden verdrängen, gar nicht erst erkennen und sich schämen, darüber zu reden.“

Dabei kann die Erkrankung, auf die ein beachtlicher Anteil aller Suizide zurückzuführen ist, im Prinzip jeden treffen. Fünf Jahre nach dem tragischen Selbstmord von Robert Enke wird sein Leben verfilmt. Die Dokumentation soll „Der Torwart“ heißen. „Es geht um Dinge, die jeden von uns berühren. Kampf, Konkurrenz, Durchsetzen und Gewinnen“ wird Regisseur Stern zitiert.

Bewegt vom Todestag des Familienvaters und Nationaltorhüters sind auch Christina Myrach und Ulrich Tonder. Sie beteiligen sich mit anderen Selbsthilfegruppen derzeit an der Messe „Mode, Heim und Handwerk“ in den Essener Messehallen. Tonder: „Wir bieten Materialien und Beratungsgespräche an und vermitteln Ansprechpartner.“

Es gibt erschreckende Fälle, aber auch ermutigende Einzelbeispiele. Ulrich Tonder und Christina haben Wege aus dem Dunkel gefunden. „’Reiß dich zusammen’, hörte ich oft, was mir aber nicht geholfen hat“ erzählt die 67-jährige Mutter einer Tochter. Nach einer Operation, der eine Fehldiagnose vorausging, blieb sie lange arbeitsunfähig. „Meine Leistung fiel ab, ich wurde gemobbt und arbeitslos.“ Sie litt unter Schlaflosigkeit, Minderwertigkeitsgefühlen. „Es war der Drehtür-Effekt, ich bewegte mich im Kreise und fand keinen Ausweg. Bis man mich vor fünf Jahren zur stationären therapeutischen und medikamentösen Behandlung in die Klinik an der Barkhovenallee einwies.“

Selbsthilfegruppe verleiht Stabilität

In der anschließenden Tagesklinik lernte sie ihren Tag zu strukturieren. „Heute bin ohne Symptome und brauche keine Medikamente.“ Die Selbsthilfegruppe verleihe ihr Stabilität, außerdem befasse sie sich jetzt mit Handarbeit und Kunst, was ihrer Seele gut tue.

Anders ist die Krankheitsgeschichte von Uli Tonder. Sein Vater war traumatisierter Kriegsverletzter und seine Mutter eine zu den Verwandten abgeschobene Tochter, die ihn als Sohn bis zum 26. Lebensjahr, als er heiratete, mit Fürsorglichkeit überhäufte. „Ich habe exzessiv Sport getrieben und bin gelaufen, bis ich Sternchen gesehen habe,“ schildert der Familienvater und Übungsleiter für Leichtathletik beim Werdener Turnerbund.

Beruflich sei er in seiner Tätigkeit als Mineralölkaufmann unzufrieden gewesen, weil er sich unterfordert gefühlt habe. „Ich bin Mitte 50 in den Vorruhestand getreten, geriet noch mehr ins Grübeln, bis psychosomatische Beschwerden auftraten.“ Er unterzog sich einer medikamentösen Behandlung und einer Verhaltenstherapie, durchlitt zehn Jahre Höhen und Tiefen.

Medikamente nehme er präventiv, Krankheitsanzeichen seien nicht mehr vorhanden. Christina Myrach und Ulrich Tonder planen mit ihrer Selbsthilfegruppe einen Informationsstand vor dem Werdener Rathaus. Beide wissen: Die Veranlagung zu Depressionen verlässt einen nicht.