Burnout, Angststörungen und Depressionen im Grundschulalter

Schulstress, Stress in der Freizeit, Mobbing, Reizüberflutung - viele Kinder und Jugendliche leiden unter den Anforderungen des Alltags.
Schulstress, Stress in der Freizeit, Mobbing, Reizüberflutung - viele Kinder und Jugendliche leiden unter den Anforderungen des Alltags.
Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Immer mehr Kinder und Jugendliche melden sich in der Präsenz-Schule von Katrin Clemen in Essen-Fischlaken. Sie leiden unter Burnout und Angststörungen.

Essen-Fischlaken.. Stressreduktion ist seit 2008 das zentrale Thema der Präsenz-Schule von Katrin Clemen und ihrem Team. In Essen-Fischlaken arbeiten sie auf einem kleinen Hof. Ihre Co-Trainer sind von Beginn an Pferde, die in den verschiedenen Kursen eingesetzt werden.

„In letzter Zeit haben wir einen massiven Zuwachs an Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Eltern bei uns Hilfe suchen“, sagt Katrin Clemen. „Sie kommen schon im Grundschulalter mit Burnout, Angststörungen und Depressionen zu uns. Das ist eine erschreckende Entwicklung. Wir haben uns überlegt, was wir tun können, damit es erst gar nicht so weit kommt.“

Mit acht Jahren Antidepressiva

Zwei neue und fortlaufende Kurse sind entstanden. In Kleingruppen „sollen die Teilnehmer erfahren, wer sie sind, was sie möchten. Und dabei geht es vor allem um ihre eigenen Träume und Ängste. Aber auch um Steigerung des Selbstbewusstseins. Und letztendlich auch um die Erkenntnis, dass oftmals nicht die Kinder krank sind, sondern das System, in dem sie aufwachsen.“

Druck, Hektik, Funktionieren, Mobbing, Aggressionen, Reizüberflutung - darunter leiden nicht nur Erwachsene. „Wir hatten eine 16-Jährige hier, die seit acht Jahren Antidepressiva bekam. Sie wollte zum Schluss nicht mehr aus dem Haus, nicht mal mehr aus ihrem Zimmer...“, erzählt Katrin Clemen. Der Kurs habe geholfen - „jetzt plant sie für den kommenden Winter eine Reise nach Island. Daran sind sicher auch unsere Pferde schuld“, sagt Katrin Clemen.

„Viele Familien sind am Ende ihrer Kraft“

Eine ganz schwierige Rolle spielen immer wieder die Eltern, „die eigentlich gar nicht wollen, dass ihre Kinder in die Mühlen des Systems geraten. Aber sie wissen auch keinen Ausweg."

„Viele Familien sind am Ende ihrer Kraft“, weiß die erfahrene Trainerin. „Wenn es zum Beispiel Rückmeldungen aus der Schule gibt, sind sie meist negativer Natur.“ Gespräche mit den Eltern, die auch mehr Selbstbewusstsein brauchen, seien besonders wichtig.

Katrin Clemen wird bei ihrer Arbeit von einem kleinen Team unterstützt - seit kurzem gehört auch ihre Tochter Kyra dazu. Die 25-Jährige hat eine Ausbildung zur Keramikerin gemacht, in Dänemark, England und Spanien gelebt und dort in Werkstätten und Galerien gearbeitet. „Der Umgang mit Ton und Farben und die Entdeckung der eigenen Kreativität bringt den Kindern viel“, weiß Kyra. „Sie blühen auf, genießen es, dass es hier keinen Druck gibt“.

"Man muss sich selbst kennen und lieben"

In anderen europäischen Ländern sei man da viel fortschrittlicher und habe ein völlig anderes Bild von Kindern. Katrin Clemen: „In Skandinavien ist das Kind vollkommen - bei uns ist es halb fertig, muss quasi geformt werden. Und dabei unterschätzen wir Kinder massiv. Sie haben meist gar keine Lust, ihre Ellbogen einzusetzen - aber sie lassen sich vom System einschnüren.“

Sie erinnert sich an ein Gespräch zwischen zwei kleinen Jungen. „Sie wollten sich verabreden und stellten fest, dass das erst in vier Wochen klappen werde, weil dann bei dem einen Jungen der Geigenunterricht ausfalle. Und einen anderen Jungen habe ich gefragt, worauf er sich denn so richtig freue.“ Die Antwort hat Katrin Clemen traurig gemacht. Er sagte, er freue sich ganz besonders auf die siebte Klasse, denn da könne er sein Handy mit in die Pause nehmen.

„Kinder und Jugendliche müssen auch unbedingt unabhängiger von der Meinung anderer werden. Wir lassen sie spüren, dass sie das richtige Empfinden haben. Und dass sie erkennen, dass sie allein wichtig sind - und alles andere ist eben nur ein System. Man muss sich selbst kennen und lieben. Und nicht unter dem Druck zerbrechen.“

Kurse für Kinder und Jugendliche

Die neuen und fortlaufenden Kurse von Präsenz richten sich an Kinder und Jugendliche. Der „Was bin ich“-Kurs für Kinder von 6 bis 12 Jahren will das Selbstbewusstsein und den Selbstwert fördern - in Spielen mit und ohne Pferd und in kreativem Tun mit Ton, Farben und Fundstücken aus der Natur. „Kompass“, der Kurs für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren will helfen, die eigene Richtung zu finden. Weitere Infos: praesenz-schule.de.

 
 

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