Katernberger Strickguerillas kämpfen gegen das triste Grau in Essen

Mit Nadel und Faden bewaffnet ziehen die Katernberger Strickguerillas in den Kampf. Der erklärte Feind sind die grauen und dreckigen Ecken von Essen. Foto: Torsten Leukert
Mit Nadel und Faden bewaffnet ziehen die Katernberger Strickguerillas in den Kampf. Der erklärte Feind sind die grauen und dreckigen Ecken von Essen. Foto: Torsten Leukert
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Im Baum hängt eine Krake. Aufgeregt wippt das Tier auf und ab, dreht sich schnell um die eigene Achse, als ein schwarz gekleideter Mann vom Geäst des Ahorns herunter springt. In der Hocke landet er, zu Füßen dreier Frauen. Sie stehen im Halbkreis um den hohen Baum herum, ihre Augen hinter Sonnenbrillen versteckt, obwohl es bereits weit nach 20 Uhr ist.

Die Frauen grinsen: Ja, das orangefarbene Strick-Tier mit den weißen Perlenaugen passt gut in das verwasche Stadtgrün auf dem Hirschlandplatz – genauso wie der pinkfarbene Stricküberwurf des schildlosen Metallpfahls drei Schritte weiter oder das rote Häkelherz, das einer der Bronzefiguren am Brunnen um den Hals baumelt. Hausgemachte Farbkleckse in Essen: Die Katernberger Strickguerilla ist unterwegs.

Ihre Waffen sind Nadel und Faden

Ihre Waffen klimpern in kleinen Metalldosen und gucken aus eilig gepackten Körben heraus: Nadel und Faden, mehr brauchen diese etwas anderen Untergrundkämpferinnen nicht. „Wir stricken und häkeln zu Hause kleine Sachen, die wir dann in der Stadt an Zäunen und Geländern annähen“, sagt eine Guerillafrau von vielleicht 60 Jahren, die sich „Utejot“ nennt. Ein Pseudonym - die bürgerlichen Namen der Strickerinnen bleiben unbekannt. Ihre Gesichter verstecken sie hinter Brillen und Schals - wie es sich für Guerilleras wohl gehört.

Warum nähen die Frauen Gestricktes an Straßenschilder und Laternenpfähle? „Wir wollen die hässlichen Ecken Essens schöner machen“, erklärt „Pink“, eine junge Frau mit tiefen Grübchen, die entgegen ihrem Namen ganz in Schwarz gekleidet ist. Die Idee zu dieser Stadtstrickkunst kommt aus den USA: 2005 hat die Texanerin Magda Sayeg mit ihrem Club „KnittaPlease” begonnen, Stoppschilder einzustricken, weil sie genug von den Glas- und Stahlfronten im texanischen Houston hatte. Seit drei Jahren sieht man die bunten Wollgewänder auch auf deutschen Straßen: „Guerilla Knitting“ nennt sich der Trend, Guerilla-Stricken also. Street Art aus Wolle.

"Gegentrend zur Konsumkultur“

2009 hat Utejot einen eingestrickten Baum in Holsterhausen gesehen, seitdem streife sie durch Essen auf der Suche nach Ecken für ihre Handarbeit, erzählt sie auf dem Weg zu ein paar Steinkegeln, die noch farblos am Rand der Straße III. Hagen stehen. Im Unperfekthaus sei sie auf Pink und die dritte Strickerin im Bunde, Strickwendot, getroffen. Beide haben Jahre nach dem Handarbeitskurs in der Schule zum Stricken zurückgefunden, seit kurzem werkeln sie im öffentlichen Raum.

Handarbeit sei lange nichts mehr für Hausmütterchen, sagen sie, immer mehr junge Frauen begeisterten sich dafür. „Das ist ein Gegentrend zur Konsumkultur“, ergänzt der schwarz gekleidete Baumkletterer, der sich „Schieber“ nennt: mit langem Haar und Hut schiebt er Gestricktes an Pfählern so hoch, dass es niemand abschneiden kann.

Freundschaftsbändchen für Metallgeländer

Im Kreis hocken die Guerilleras um den Steinkegel, an dem Utejot mit ein paar Stichen einen Fisch gegen die Fahrtrichtung der Einbahnstraße schwimmen lässt Ein Citroën passiert die Szene. Ein Blick, keine Mine verzogen, weitergefahren. „Schade, wie gleichgültig die Menschen sind“, sagt Strickwendot mit süddeutscher Zunge. Dann klopft sie sich tatkräftig auf die Schenkel. „Und wohin jetzt?“

Im Waldthausenpark riecht es nach trockenem Gras. Eine Kolonne Autos fährt über die Brücke, die sich über die verkümmerte Grünfläche zieht; in kurzen Abständen springen ihre Reifen über immer dieselbe Unregelmäßigkeit in der Fahrbahndecke. Daneben kniet Pink. Vorsichtig webt sie ein überlanges Freundschaftsbändchen in das Metallgeländer der Brücke ein.

Strickwendot schaut ihr von unten zu, sieht sich dann fragend um. Utejot ist verschwunden. Ein kurzer Ruf, eine Antwort, über die Einzäunung des Platzes geklettert dann die Erklärung: Utejot kniet vor dem Treppenaufgang zur Brücke; am Eckpfahl des Geländers hängt ein verwaschenes Stück Stoff. „Das habe ich im Dezember hier angenäht“, sagt sie und zieht an dem Wollding, unter dem einige Käfer hervorkrabbeln. Stolz schauen die Strickguerilleras einen Moment gemeinsam auf das eingestrickte Geländer. Stilles Nicken. Dann ziehen sie weiter.

 
 

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