Essen

Besuch im Guido-Reil-Land: Warum die AfD im Essener Norden so erfolgreich war

Karnap, Ortseingang: Guido Reil soweit das Auge reicht.
Karnap, Ortseingang: Guido Reil soweit das Auge reicht.
Foto: DER WESTEN
  • Im Essener Norden hat die AfD über 20 Prozent der Stimmen bekommen
  • Ihr Aushängeschild: Ex-SPDler Guido Reil
  • Er wurde gewählt, nicht die Partei, sagen viele vor Ort

Essen. Über den Rhein-Herne-Kanal schippern die Frachtschiffe, die Sonne knallt an diesem Maimontag. Die einzigen Wolken am Himmel kommen aus den Schornsteinen des Karnaper Müllkraftwerks. Freie Fahrt auf der B224. Zielrichtung: Norden. Genauer gesagt: der Essener Norden. Dort hat bei der Landtagswahl am Sonntag jeder fünfte sein Kreuz bei der AfD gemacht.

Guido Reil lacht jeden an, der sich über die Properstraße dem Karnaper Zentrum nähert. Auf großen Plakaten, auf kleinen Plakaten. Reil ist überall. Reil, der Bergmann, der Kumpel, der Kümmerer.

Reil der Ex-SPDler.

In einem Stadtteil, in dem die Sozialdemokraten vor vier Jahren noch von 65 Prozent der Karnaper gewählt wurden, fischt er jetzt Stimmen für die Rechtspopulisten ab. Mit Erfolg: Aus dem Stand zweitstärkste Kraft. Vor der CDU. Weit vor der Linkspartei. Wie hat er das geschafft? Ein Ortsbesuch.

Karnap, das war Arbeiterviertel. Wirtschaftswunder. Mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Heute ist Karnap geprägt von Arbeitslosigkeit. Hohem Migrantenanteil. Und Karnap ist AfD-Hochburg - zumindest in NRW.

Man müsse sich nur mal umschauen, direkt vor der Nase, sagt ein Mann, der seine Mittagspause auf einer Parkbank am Karnaper Markt verbring. Der Platz menschenleer. Der Mann sagt: „Überall Müll. Sie sollten mal abends hier sein, wenn die ganzen Männer den Platz bevölkern und ihn später so hinterlassen. Die Politik tut doch nichts mehr. Wundert es da, dass die Leute AfD wählen?“

Mit Müll kennt Guido Reil sich aus. In TV-Dokus wird er nicht müde, vom Müllproblem auf dem Platz zu berichten. Turgay Tahtabas lacht, als er das erzählt. Der Deutsch-Türke lebt seit fast dreißig Jahren in Deutschland und seit 1999 in Karnap. Er hat das Projekt „Zukunft Bildungswerk“ ins Leben gerufen. Gibt mit Lehramtsstudenten 700 Migrantenkindern Sprachförderung und Hausaufgabenhilfe.

Aus dem Fenster seines kleinen Büros ist der leere Marktplatz zu sehen. Und der volle Mülleimer. „Wenn du jeden Tag den Menschen sagst, es ist schlimm hier, dann denken sie es irgendwann auch.“

Mit Reil hat sich der 49-Jährige schon herzhaft gestritten. Aber immer fair, wie er sagt. Meist über Halbwahrheiten. „Guido Reil erzählt immer, dass es in Karnap 600 alleinreisende männliche Flüchtlinge gegeben hat. Dass Geschäfte Sicherheitspersonal deshalb haben anstellen mussten. Aber das stimmt nicht. Das ist Meinungsmache. Reil macht durch seine negativen Äußerungen die ganze gute Arbeit vor Ort kaputt.“

Karnap sei nicht anders als andere Stadtteile. Eine sterbende Hauptstraße, immer weniger Banken, keine Post. Kennt jeder Krayer, Borbecker oder Steeler nur zu gut.

Doch dort wird die AfD nicht so oft gewählt. Liegt es also an Reil? „Er hat schon ein großes Wählerpotential, schließlich ist er von hier", sagt Tahtabas. Doch: „Statt immer nur auf Probleme zu zeigen, könnte er auch einfach Lösungen aufzeigen.“ Schließlich sei Reil doch Ratsherr. „Wie viele Anträge auf neue Müllkörbe hat er schon gestellt?“

Reil zeigt einen Tag nach der Wahl lieber wieder auf den einen, den es bereits gibt. Ein Kamera-Team des WDR begleitet ihn dabei. Eine Anfrage von DER WESTEN zum guten Abschneiden der AfD im Essener Norden beantwortet in einer E-Mail er so: „Moin, hier sage ich eigentlich alles.“ Keine Grüße, nur ein Link.

Es ist ein Youtube-Video. Aufgenommen auf der Wahlparty der Partei in Düsseldorf. AfD-TV. Hochzufrieden, sei er mit dem Ergebnis. Ein Direktwahlmandat nie sein Ziel gewesen. Stattdessen: Zeichen gesetzt. Und jetzt Bundestagswahlkampf.

Was für ein Quatsch, sagen die vier Erzieherinnen, ebenfalls in ihrer kurzen Mittagspause, als die WDR-Szene mit dem Müll zum dritten Mal gedreht wird. „Sorgen Sie doch einfach für mehr Mülleimer“, ruft eine von ihnen laut. Vielleicht ist sie mit auf Band.

„Wir wussten, dass es ein emotionaler Wahlkampf wird“, sagt Stephan Duda, Ortsvorsitzender der SPD in Karnap. Knapp 50 Prozent der Stimmen hat seine Partei bekommen. Ein Traum, im Vergleich zum NRW-Gesamtergebnis. Doch für Karnap ist das schlecht. Duda ist sich sicher. Die AfD-Stimmen sind Protest.

Reil ist charismatisch

Duda: „Guido Reil war 18 Jahre lang in dem Stadtteil politisch aktiv. Die Menschen haben ihn gewählt, nicht die AfD." Das deckt sich mit Aussagen der Leute vor Ort: „Er ist schon charismatisch“, sagt die Erzieherin, die eben noch laut gebrüllt hat.

Für ihre 20 Prozent hat die AfD gerade einmal zwei Wahlkampfauftritte vor Ort gebraucht. Sagt die SPD. Reil setzte stattdessen auf die Medien: Dort war er laut.

Das sagt auch die CDU. Auch sie hat Stimmen dazu gewonnen. Liegt nun bei rund 17 Prozent. Der Ortsvorsitzende Marius Krüger sagt, die aggressive Stimmungsmache bei der Flüchtlingskrise sei Ursache für das Überholmanöver von rechts.

Reine Kampagne gegen die etablierten Partein

Reil mache mit der AfD eine „reine Kampagne gegen etablierte Parteien, bei der zwar Probleme angesprochen würden, die real existent sind, jedoch auch viele, die aufgebauscht wurden und nicht wirklich so vorhanden sind.“

Er spiele mit den Ängsten der Menschen, so Krüger. Und die sind ihm auf den Leim gegangen.

Dabei gibt es Probleme im Viertel. Solche, die angepackt werden müssen. Ein Türke sagt, er vermisse, dass Polizei und Ordnungsamt durchgreifen. Ein Deutscher sagt, er bange um seinen Job.

Die Menschen hier haben Ängste. Doch nicht voreinander, nicht solche, mit denen die AfD sonst so gerne spielt.

Was SPD-Mann Duda besonders stört: Dass andere durch Reils Medienauftritte ein völlig falsches Bild des Stadtteils bekommen. „Karnap ist nicht so, wie Herr Reil das immer darstellt. Es gibt hier viele schöne Ecken. Und mal ehrlich: Wäre es so furchtbar, warum lebt er dann noch hier?“

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