Kaputtgeh-Wochen in Essen

Martin Spletter

Die Aktion „Stadtradeln“ endet am Freitag. Derzeit liege ich bei 393 gefahrenen Kilometern. Viel interessanter ist, dass im Moment offenbar Kaputtgeh-Wochen bei den Essener Autos sind.

Kann mir sonst einer erklären, wieso überall stumpfe Plastikscherben an den Straßenrändern liegen? Am Montag fuhr ich auf der Ruhrallee an einer kompletten Stoßstange vorbei, die von einem Auto abgefallen war. Ich zähle schon lange nicht mehr die Radkappen und Radkappenreste, die in den Büschen an der Wuppertaler Straße liegen, und mehr Müll am Straßenrand gibt es sonst nur nach Fußball-Großereignissen – dann, wenn morsche Deutschland-Fähnchen reihenweise von den Autos fliegen. Obwohl: Bemerkenswert vermüllt ist auch jederzeit die Straße, auf die viele Leute in Essen so stolz sind – der Berthold-Beitz-Boulevard, vor allem das Teilstück zwischen Frohnhauser und Altendorfer Straße. Es gibt Menschen, die legen da sogar alte Reifen ab. Immerhin stapeln sie sie ordentlich zwischen die Wildblumen. Ordnung muss sein. Braver, deutscher Autofahrer!

Hatte ich gerade die Ruhralle erwähnt? Einmal habe ich versucht, auf der Ruhrallee zu fahren, Richtung Süden, nicht auf dem Radweg, sondern auf der Straße. Es war die Hölle. Nicht wegen der vielen Autos, sondern weil sich der Asphalt am Straßenrand aufwölbt wie Hefeteig am Pizzarand. „Selbst Schuld“, könnten Sie jetzt sagen, „warum nimmst du auch nicht den Radweg!“

Weil der Radweg alle 50 Meter unterbrochen wird von Seitenstraßen und Fußgängerampeln, könnte ich antworten. Aber ich will hier keine Diskussion anzetteln über den Sinn und Unsinn von Radwegen. Ich weiß nur, dass mir als Vielfahrer die Autos nicht mehr so viel ausmachen. Sind Sie schon mal durch die beiden Tunnel am Ostrand der Innenstadt geradelt? Durch den unterm Bahndamm und durch den vorm Rathaus? Neonlicht, drei Spuren, irrer Hall? Früher habe ich Todesängste ausgestanden. Heute mache ich Licht an und versuche, mich selbst von 40-Tonnern nicht beeindrucken zu lassen, die an mir vorbeirauschen. Ich habe alles im Griff. Denke ich.

Neulich habe ich ein Interview mit einem Tour-de-France-Fahrer gelesen. Der hat gesagt, das genau ist das Problem: Dass man als Radler immer glaubt, man habe alles im Griff, auch bei der Bergabfahrt mit 90 Sachen. „Und dann lernt man aber“, hat der Rennradprofi sinngemäß gesagt, „dass alle Knochen brechen, aber auch wieder zusammenwachsen.“

Jetzt hab ich wieder Angst. Hätt ich den Mist mal nicht gelesen.