Kanzleihaus erinnert an Schicksal des jüdischen Bauherren

Christina Wandt
Ein Schmuckstück: Das frühere Kanzleihaus Salomon Heinemann an der Zweigertstraße in Essen-Rüttenscheid ist umgebaut und erstrahlt nun in neuem Glanz.
Ein Schmuckstück: Das frühere Kanzleihaus Salomon Heinemann an der Zweigertstraße in Essen-Rüttenscheid ist umgebaut und erstrahlt nun in neuem Glanz.
Foto: Stefan Arend
Das Kanzleihaus an der Zweigertstraße in Essen erstrahlt in neuem Glanz. Das stolze Gebäude erinnert auch an das Schicksal des jüdischen Bauherren.

Essen.  Dass er das Wesen dieses Hauses bewahrt, hat ihm der Denkmalschutz auferlegt, dass er an dessen Erbauer erinnert, hat Investor Albert Sevinc selbst entschieden. Und so lud der Düsseldorfer Architekt am Mittwochabend zur Erinnerungsfeier für Salomon und Anna Heinemann an die Zweigertstraße 50 in Rüttenscheid. Dort erstrahlt ein aufwendig umgebauter Gebäudekomplex, der zahlreiche Büro- und Wohnräume beherbergt und dessen Herzstück das frühere Kanzleihaus Heinemann ist.

1865 wurde Salomon Heinemann in Essen geboren; als Sohn einer gutbürgerlichen jüdischen Familie machte er am Burggymnasium Abitur, studierte anschließend Jura, erwarb einen Doktortitel. Als zielstrebigen jungen Mann beschreibt ihn die Sozialwissenschaftlerin Kristin Platt an diesem Abend, und als so kunstsinnige wie großzügige Persönlichkeit. Bestrebt, „eine angesehene Wirtschaftskanzlei zu etablieren“, habe Salomon Heinemann sich für eine Adresse mitten im Essener Justizviertel entschieden. Als Architekten für sein modernes Kanzleihaus beauftragt er Edmund Körner, der auch die 1913 fertiggestellte (Alte) Synagoge entworfen hat.

Salomon Heinemann gehört zu den Gründern des Folkwang Museumsvereins

Salomon Heinemann ist da längst erfolgreicher Rechtsanwalt und Notar, mit seiner Frau Anna, geborene Wertheimer, bewohnt er am nahen Haumannplatz ein Wohnhaus, das Zeitzeugen als stattlich beschreiben. „Anna war seine große Liebe“, weiß Kristin Platt und zitiert aus Gedichten, die Anna für Salomon schrieb. Bei den beiden sind Kunst und Künstler zu Gast, Bibliothek, Schallplattensammlung und expressionistische Kunstwerke gehören zum Haus wie schlicht vornehmes Mobiliar.

Salomon Heinemann zählt auch zu den Gründungsmitgliedern des Folkwang Museumsvereins. Zu jenen Essener Bürgern also, die 1922 den Ankauf der Sammlung Osthaus ermöglichen, den Grundstein für das Museum Folkwang legen. Doch mit der NS-Machtergreifung gibt Heinemann alle öffentlichen Ämter auf. Die Kanzlei kann er trotz Berufsverbots noch erhalten, weil sein dort beschäftigter Neffe christlich getauft ist.

In der Pogromnacht wird das Ehepaar von der SA überfallen, das Haus verwüstet

Seit 1933 kämpft das Ehepaar mit wachsender Ausgrenzung und existenziellen Sorgen. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 werden die beiden im Schlaf von SA-Männern überfallen, ihr Haus verwüstet. Zerstört wird auch die Kunstsammlung, die das kinderlose Paar seiner Heimatstadt hatte vermachen wollen. Nur Tage später wählen Anna und Salomon Heinemann den Freitod – sie gelten als erste Opfer unter den damals 2500 Essener Juden.

Gedacht werden soll an sie nicht nur an diesem Abend: Eine Plakette erinnert die neuen Nutzer des alten Kanzleihauses an Verdienste und Schicksal der Heinemanns.