Kampf gegen ein Klima der Angst beim Discounter Netto in Essen

Christina Wandt
Die neuen Vertrauensleute des Discounters Netto in den Räumlichkeiten von Verdi an der Teichstraße in Essen. Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool
Die neuen Vertrauensleute des Discounters Netto in den Räumlichkeiten von Verdi an der Teichstraße in Essen. Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool
Die Verdi-Mitglieder in den 30 Essener Netto-Filialen haben zwölf Vertrauensleute gewählt. Diese wollen Ansprechpartner für die Kollegen sein und dafür sorgen, dass sich der Discounter in Zukunft an die Spielregeln hält. Netto ist laut Verdi nun der einzige Discounter mit Vertrauensleuten.

Essen. Überstunden, die nicht bezahlt werden, keine Pausen, Zeitdruck, weniger Personal und wachsende Kon­trolle – für die 300 Beschäftigten in den 30 Essener Netto-Filialen ist das trauriger Alltag. Die Geschäftsführung dagegen tue alle Beschwerden als „Einzelfälle“ ab. Darum haben die in der Gewerkschaft Verdi organisierten Mitarbeiter des Discounters nun zwölf Vertrauensleute für Netto in Essen gewählt.

„Wir betreten damit Neuland“, sagt Silke Zimmer, Landesfachbereichsleiterin Handel bei Verdi, nach der Wahl am Sonntag. „Netto ist jetzt der einzige Discounter mit Vertrauensleuten.“ Die sind gewerkschaftliche Aktive im Unternehmen, die anders als Betriebsräte keinen besonderen Kündigungsschutz oder andere Vorrechte genießen. Trotzdem könne ihre Arbeit wertvoll sein: „Sie sind näher dran und als Ansprechpartner greifbar.“ Für den Betriebsrat gelte das nicht: Der ist so zugeschnitten, dass seine Zuständigkeit bis ins Saarland lappt – 16.000 Beschäftigte soll er betreuen.

Mitarbeiter fühlen sich vom Betriebsrat allein gelassen

„Vom Betriebsrat fühlen wir uns allein gelassen“, sagt Maurike Maaßen (49), die seit zehn Jahren für das Unternehmen arbeitet. Zuletzt wurden aus ihren 24 Wochenstunden regelmäßig 30. „In den meisten Filialen arbeiten wir nur zu zweit, eine Kollegin an der Kasse, die andere im Laden. Pausen sind da unmöglich.“ Ware muss in die Regale geräumt, Preisänderungen müssen sofort weitergegeben werden, in einigen Filialen versieht das Personal die Produkte mit Diebstahlschutz. Eine Tätigkeit, für die es eigentlich Extrastunden geben sollte.

Die Wirklichkeit sehe anders aus, sagt Claudia Bialy (49), die seit 21 Jahren im Betrieb ist und heute als Marktleiterin 45 Wochenstunden hat – meist werden es 50. „Wir schaffen kaum die Arbeit, aber wenn Ware nicht eingeräumt ist, sagt der Vorgesetzte: ,So sieht nur Ihr Laden aus.’“ Angesichts des Drucks steige der Krankenstand: „Wer zurückkommt, wird zum Gespräch gebeten und gefragt, was er gehabt habe. Dabei ist diese Frage verboten.“

Doch solche Versuche, strukturelle Probleme auf den einzelnen abzuwälzen, seien typisch für eine Branche, in der ein Klima der Angst herrsche, sagt Kay Lipka von Verdi. Angesichts der extrem hohen Zahl von Beschwerden über Netto habe sich Verdi vor einem Jahr entschlossen, die Mitarbeiter auf dem Weg zur Vertrauensleute-Wahl zu begleiten.

Die Solidarität unter ihnen sei schon jetzt groß: „Viele der grauen, also nicht bezahlten, Überstunden werden gemacht, um die Kollegin nicht hängen zu lassen.“ In Zukunft wollen Bialy, Maaßen und die anderen zehn Vertrauensleute dafür kämpfen, dass die Filialen besser besetzt werden: „Wir möchten ja nur die Chance bekommen, unsere Arbeit vernünftig zu machen.“

Ein Betriebsrat für 16.000 Beschäftigte

Nach der Übernahme von Plus ist Netto vom Umsatz her der viertgrößte Discounter hierzulande. Es gibt in dem Unternehmen Betriebsräte.


Die 300 Essener Beschäftigten vertritt der Betriebsrat-West. Er ist für insgesamt 16.000 Netto-Mitarbeiter in NRW, Hessen, Rheinland-Pfalz und im Saarland zuständig. Dieser Zuschnitt verhindert eine intensive Vertretung der Mitarbeiter vor Ort.