(K)ein Leben im Schrank

Dirk Overwin (49) leitet seit 2006 die Essener Selbsthilfegruppe „Schwule Väter“.
Dirk Overwin (49) leitet seit 2006 die Essener Selbsthilfegruppe „Schwule Väter“.
Foto: WAZ FotoPool
Sich zu outen ist nicht immer leicht – erst recht nicht vor Frau und Kindern. Selbsthilfegruppe „Schwule Väter“ hilft Gleichgesinnten.

Essen.. Es gibt Familien, die funktionieren Eins A. Papa war Mamas Sandkastenliebe, die zwei Kleinen machten das Familienglück perfekt. Mit den Nachbarn - im eher kleinbürgerlichen Stadtteil - ist alles eitel Sonnenschein, ja sogar mit den Schwiegereltern läuft’s prima. Bis zu dem Tag, als Papa plötzlich schwul ist.

Dass sowas eigentlich nie „plötzlich“ passiert, sondern in den meisten Fällen einen langen Vorlauf und viel Überwindung braucht, dass sich vertraut geglaubte Menschen hingegen sehr wohl „plötzlich“ abwenden, das weiß Dirk Overwin aus eigener Erfahrung. Er ist 49, hat zwei Kinder (16 und 19) – und lebt seit 13 Jahren mit seinem Mann zusammen, seit knapp einem Jahr sind sie verheiratet. „Für mein Coming Out habe ich fünf Jahre gebraucht“, erzählt Overwin. Einer der Gründe, warum er 2006 die Essener Gruppe „Schwule Väter“ gegründet hat. Und auch wenn der bundesweite Selbsthilfeverband „Schwule Väter Deutschland“ bald sein 30-jähriges Jubiläum feiert: „Es ist heute nicht viel einfacher als vor zwanzig Jahren“, weiß der 49-Jährige.

"Zeitgleich mit den Kindern in der Pubertät"

Der Andrang verzweifelter schwuler Familienväter sei ungebrochen, „besonders in der Urlaubszeit und kurz nach Weihnachten“, so Overwin. Der Kern, der sich ein Mal im Monat trifft, besteht aus zehn Männern, 25 weitere stehen auf der Liste des „Väter-Telefon“. Die meisten kämen entweder Anfang 30, oder Anfang 50, wenn die Kinder noch ganz klein sind, oder im Teenager-Alter. „Die Väter sind dann eben zeitgleich mit den Kindern in der Pubertät“, erklärt der Essener, dessen Kinder damit aufgewachsen sind, dass Papa einen anderen Mann küsst.

Dirk Overwin rät dazu, das möglichst früh hinter sich zu bringen und das Vertrauen nicht aufs Spiel zu setzten. Aber so oder so: „Die Kinder fallen vom Stuhl.“ Und manchmal auch die Eltern, die dann - wie in seinem Fall - den Kontakt abbrechen und sich die klassische Schuldfrage stellen. „Dabei ist Schwul-Sein ganz bestimmt keine Frage von Wollen“, stellt der 49-Jährige klar. Über viele Jahre ein Doppelleben führen, nach außen hin die heile Familienwelt zu spielen, dabei innerlich „todtraurig“ und „leer“ zu sein, das sei oftmals auch eine körperliche Belastung.

"Größen Einfluss auf den Nachwuchs"

Von der seelischen ganz zu schweigen. Juristisch hätten Ehefrauen, deren Männer sich outen, im Übrigen nichts in der Hand, was die Kinder betrifft. „Aber meistens haben sie einen großen Einfluss auf den Nachwuchs“, so Overwin. Daher ist die Gruppe nicht nur erste Anlaufstelle, sondern vermittelt nach Bedarf auch Psychologen, gibt Tipps zu rechtlichen Angelegenheiten.

Auch Vatertagsausflüge und Partys, wie der CSD in Köln stehen auf dem Programm. Auf dem Ruhr-CSD, am heutigen Samstag werden sie allerdings nicht zusammen sein. „Das ist für viele noch zu nah“.

 
 

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