Jung, hoch qualifiziert, Neubürger

Marcus Schymiczek

Die Überraschung war groß, als das Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen kurz vor Jahresende mitteilte, dass Essens Einwohnerzahl erstmals seit 22 Jahren wieder gestiegen ist - um 1013 Personen. Handelt es sich um einen statistischen Ausreißer, oder zeichnet sich gar eine Trendwende ab, von der schrumpfenden zur wachsenden Stadt? Barbara Erbslöh, die Chefin im Amt der Zahlen, äußerte sich gegenüber dieser Zeitung nur vorsichtig optimistisch. Anders Michael Happe vom Büro für Kommunal- und Regionalplanung (BKR) aus Werden: Der Stadtplaner beschäftigt sich von Berufs wegen mit Statistiken und ist tief in die Zahlenwerke eingestiegen. Sein Urteil: Es gibt sehr wohl deutliche Anzeichen, die für eine Trendwende sprechen.

Indizien: Es sind vor allem jüngere Jahrgänge, die sich für Essen als Wohnort entschieden haben. So nahm die Einwohnerzahl in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen von 2010 bis 2012 um 720 Personen zu, in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen ließen sich 1287 Neubürger in Essen nieder, in der Altersgruppe der 30- bis 34-Jährigen gewann die Stadt sogar 1812 Bürger hinzu. Die Erklärung der Stadt, es handele sich vor allem um Studenten und Zuwanderer aus dem Ausland, greift Happes Meinung nach zu kurz. Vielmehr spreche einiges dafür, dass junge Menschen nach Essen ziehen, weil sie hier einen Arbeitsplatz finden. Denn schon seit einigen Jahren steigt die Zahl der Arbeitsplätze in der Essener Wirtschaft. Seit 2008 kamen 14 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte hinzu. Dass davon offensichtlich vor allem ältere Arbeitnehmer profitiert haben, wie Barbara Erbslöh zu bedenken gibt, ist für Happe kein Widerspruch. Dies allein sage nichts über Zuzüge nach Essen aus. Happe weist deshalb daraufhin, dass die Stadt einen besonders starken Zuwachs an Arbeitskräften in den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Berufen verzeichnete - um 5860 Personen. Happes Fazit: „Es kommen junge, hochqualifizierte Leute nach Essen.“ Der Anstieg an Arbeitsplätzen bringt mit sich, dass auch die Zahl der Pendler von Jahr zu Jahr zunimmt. Mehr als jeder zweite Arbeitnehmer (51,6 %) , der in Essen seinem Beruf nachgeht, kommt inzwischen von außerhalb. 44 Prozent davon wohnen nicht einmal im Ruhrgebiet. Gerade diese Gruppe könnte sich perspektivisch mit dem Gedanken tragen, nach Essen zu ziehen. Für Michael Happe sind dies gute Gründe, die dafür sprechen, dass eine Trendwende in der Bevölkerungsentwicklung mittelfristig gelingen sollte. Nun, so Happe, komme es darauf an, daraus für die Stadtentwicklung frühzeitig die richtigen Schlüsse zu ziehen.