Jugendkontaktbeamter arbeitet eng mit Imam zusammen

Christina Wandt
Ein gutes Team: der Polizist Herbert Czarnyan (l.) und Imam Mohammad-Munir Rachid.
Ein gutes Team: der Polizist Herbert Czarnyan (l.) und Imam Mohammad-Munir Rachid.
Foto: WAZ FotoPool
Herbert Czarnyan ist Jugendkontaktbeamter in Katernberg und arbeitet mit dem Imam der Altenessener Moscheegemeinde Salah Eddin zusammen - mit Erfolg. Im vieldiskutierten Buch „Richter ohne Gesetz“ wird er als "Vater des Essener Modells" gewürdigt.

Essen. Herbert Czarnyan ist Polizist und seit vielen Jahren in Katernberg und Schonnebeck unterwegs; man kennt ihn auf den Straßen in seinem Kiez. Seit einigen Wochen kennt man ihn auch im Rest der Republik, der 59-Jährige hat einen kurzen Auftritt im vieldiskutierten Buch „Richter ohne Gesetz“ von Joachim Wagner. Der Fernsehjournalist malt darin ein düsteres Bild von einer islamischen Paralleljustiz in Deutschland. Essen kommt vergleichsweise gut weg, Czarnyan wird auf Seite 169 als „einer der Väter des Essener Modells“ gewürdigt.

Von dessen Anfängen in den 90er Jahren kann er lebhaft erzählen. „Damals strömten viele libanesische Asylbewerber nach Katernberg, weil es hier billigen Wohnraum gab.“ Sie kamen mit großen Familien, zwölf, dreizehn Kinder, die oft sich selbst überlassen blieben, auf der Straße aufwuchsen.

In Czarnyans Blickfeld gerieten sie erst, als die Jugendkriminalität im Viertel sprunghaft anstieg und immer mehr Geschäftsleute über Diebstähle klagten. Bagatelldelikte, so Czarnyan. Aber so viele, dass sie die Anwohner massiv verunsicherten. „Wir mussten das Sicherheitsgefühl wieder herstellen.“ Anfangs rätselten er und seine Kollegen, mit wem sie es zu tun hatten, weil die Zeugen die Täter als Türken beschrieben. „Bei den ersten Festnahmen sahen wir in den Papieren häufig ,Geburtsort: Beirut’.“ Die vermeintlichen Türken waren Libanesen.

Die vermeintlichen Türken waren Libanesen

Schon damals besuchten die Polizisten die Familien. „Da gab es sprachliche und andere Verständigungsprobleme. Wir brauchten jemanden, auf den die Leute hören.“ Die Polizei wandte sich an Arbeiterwohlfahrt (Awo) und ISSAB (Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung), die schon als Helfer in den Familien tätig waren. Erste Maschen eines Netzwerks wurden geknüpft.

Als engagierten Mittler gewann man Rabih Badr, der heute im Integrationsmanagement arbeitet. „Der sagte: Wir brauchen noch einen Verstärker.“ Dieser Verstärker sollte Imam Rachid von der Altenessener Moscheegemeinde Salah Eddin werden. Eine glückliche Wahl, sagt Czarnyan über eine Zusammenarbeit, die bald 15 Jahre währt und rasch Erfolge erzielte.

Etwa 1999, als sich Polizei, Geschäftsleute, die Väter junger Straftäter und der Imam in einem libanesischen Café trafen. Die Ladeninhaber schilderten ihr Leid, und der Imam ermahnte die Väter: „Eure Kinder bringen Schande über die ganze libanesische Gemeinde.“ Die Väter ließen sich in die Pflicht nehmen, die Diebstähle hörten auf.

Der Imam nahm die Väter in die Pflicht

1999 war auch das Jahr, in dem Czarnyan Jugendkontaktbeamter der Wache Nord-Ost („Wir sagen gern Nahost“) wurde. Er hatte nun auch von Amts wegen eine präventive Mission. Gegen die „notorisch kriminellen Familien“ könne er so wenig ausrichten wie gegen organisierte Kriminalität, räumt er ein. Doch da, wo Großfamilien an überkommenen Traditionen festhalten, wo Mädchen nicht zur Schule gehen dürfen oder eine kleine Beleidigung zur Massenschlägerei auszuarten droht, kann er eingreifen - mit dem Imam. „Oft haben Konflikte zweier Familien wenig mit Religion und viel mit Ehre zu tun, aber das Wort des Imams hat trotzdem Gewicht.“

So sei einmal mit einer Telefonkette eine Gewalttat einiger rachedurstiger Jungen verhindert worden: Ein Lehrer, der von dem Rachezug gehört hatte, rief Czarnyan an, der wandte sich an Rabih Badr, der an den Imam - und der Imam überzeugte die Väter, die Jungen zurückzupfeifen.

Die Gastgeberrolle ist heilig

Es ist, das weiß Czarnyan, eine Gratwanderung. „Wenn es um Schusswaffengebrauch geht, ist das kein Fall für den Imam.“ Er sei aber froh, dass dieser seine Autorität bei kleineren Delikten im Sinne des deutschen Rechtssystems nutze. „Heute ist es schon halb so als käme der Imam, wenn ich die Familien besuche.“ Solche Hausbesuche sind wichtig, die Gastgeberrolle sei Libanesen heilig. „In deutschen Familien bekommen Sie dagegen nicht mal einen Tee, wenn Sie ein verlorenes Portemonnaie abgeben.“ Czarnyans Instrumentarium hat sich im Laufe der Jahre dem eines Sozialarbeiters angenähert: Zeit, Zuhören, viel Verständnis. Aber wenn einer seine Kriminalität mit seinem unsicheren Aufenthaltsstatus entschuldigt, warnt er: „Mit weißer Weste bekommst Du eher einen Pass .“

Längst erlebe er auch westlich-orientierte Libanesen: Familien, die nur zwei, drei Kinder haben; Väter, die zum Elternabend gehen; Mütter, die arbeiten. „Da sind einige, die könnte man zu Schiedsleuten ausbilden.“ Und die unterstünden auch deutschem Recht.