Jim Dine und sein Werk voller Herzen und Hämmer

Die Skulpturen der Antike haben Jim Dine zu diesen Arbeiten inspiriert. Das Museum Folkwang zeigt sie in der Schau „About The Love Of Printing“.
Die Skulpturen der Antike haben Jim Dine zu diesen Arbeiten inspiriert. Das Museum Folkwang zeigt sie in der Schau „About The Love Of Printing“.
Foto: WAZ
Museum Folkwang verneigt sich vor dem Künstler Jim Dine mit der großen Retrospektive seines grafischen Werks und freut sich über großzügige Schenkung.

Essen.. Es gibt unangenehmere Assoziationen, als dauernd mit einem großen Herzen in Verbindung gebracht zu werden. Jim Dine hat im Laufe seiner langen Künstler-Karriere viele Herzen gemalt und damit große Popularität gewonnen. Aber vielleicht hat das emotional tiefrotgefärbte Motiv manchmal auch die Sicht verstellt auf einen Künstler, der die Möglichkeiten von Druckgrafik so vielfältig und tiefgründig ausgeschöpft hat wie kaum ein anderer. „About the Love of Printing“ heißt nun eine fabelhafte und in der Fülle bislang einzigartige Ausstellung von Dines grafischem Werk, mit der sich das Museum Folkwang vor dem nun 80-jährigen Künstler verneigt und gleichzeitig für die Schenkung von mehr als 200 grafischen Arbeiten bedankt.

Mehr als 1000 grafische Arbeiten hat Dine in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen, weiß Kurator Tobias Burg. Etwa ein Viertel davon sind jetzt in Essen zu sehen. Viel Anschauungsmaterial, um manches liebgewonnene Etikett abzuknibbeln. So hat sich Jim Dine beispielsweise selber nie als Pop-Art-Künstler verstanden, obwohl die Dinge des Alltags eine bemerkenswerte Präsenz in seinem Werk haben. „Aber Pop beschäftigt sich mit äußeren Dingen. Ich beschäftige mich mit inneren. Wenn ich Objekte verwende, betrachte ich sie als Vokabular von Gefühlen“, hat Dine schon vor 40 Jahren erklärt.

Erotik aus dem Werkzeugkasten

Und tatsächlich hat die Darstellung eines Malpinsels, die künstlerische Verwendung von Hammer und Zange selten so eine faszinierende und lebendige Wirkung auf den Betrachter ausgeübt wie bei Dine. Irgendwann hat der US-Amerikaner, der schon als Kind im väterlichen und großväterlichen Werkzeugladen Zuneigung für Säge und Schraubenzieher entwickelte, den Handwerker-Helfern sogar Körperhaare zugefügt. Die Erotik der Schraubzange sorgte ebenso für Aufsehen wie der herrenlose Bademantel, der wie ein Platzhalter seiner selbst immer wieder in den Arbeiten erscheint. Dabei nimmt das Thema Selbstporträt in Dines Werk einen zentralen Platz ein. Die gezeigte 55-teilige Serie von 1995 ist ein wandhohes Portrait-Puzzle, bei dem die Druckplatten, mal einzeln gedruckt, mal mehrfach übereinander gelegt, ein spannendes, vielgesichtiges Spiel mit dem eigenen Ich ergeben.

Nicht nur mit seinen vielfältigen Themen, auch mit der Technik hat Dine seine Kunst im Laufe der Jahren so immer wieder neu erfunden. In bemerkenswerter Fülle zeigt die Folkwang-Ausstellung Werke aus allen Bereichen: die frühe Leidenschaft für die Verbindung von Wort und Bild, die Verneigung vor den Skulpturen der Antike ebenso wie die literarischen Bezüge, in denen Dine Lebensstationen von Arthur Rimbaud in feingliedrigen Radierungen vorüber ziehen lässt. Nicht zu vergessen seine Vorliebe für Langnase Pinocchio, Verkörperung des künstlerischen Ur-Traums schlechthin: tote Materie lebendig zu machen.

Kunst als echte Körperarbeit

Aber da sind auch die vorgefundenen, politischen Bilder, wie in die „Geschichte des Kommunismus“, in denen Dine Lithografien ostdeutscher Kunststudenten mit eigenen Radierungen kombiniert.

Den Stillstand hat der Künstler so immer gemieden. Und als er mit Mitte 70 nicht mehr weiter wusste mit Themen und Farbmaterial, da hat er noch einmal beherzt zur Kettensäge gegriffen, die Holzstöcke bearbeitet und seine expressiven, mannshohen, praktisch noch farbfrischen Werke ins Museum gestellt. Kunst als echte Körperarbeit - so „schön, zornig, verwegen“, wie Dine es sich wünscht. Und dabei immer aus tiefem Herzen.

 
 

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