„In Hörsterfeld weht immer ein frischer Wind“

Foto: WAZ FotoPool

Essen..  Das Hörsterfeld hat keinen guten Ruf. Die Großsiedlung für rund 6000 Menschen am Ostrand der Stadt gilt den meisten Bürgern als seelenloses Hochhaus-Ghetto, als Mahnmal verfehlten Städtebaus. Doch viele Bewohner leben gerne hier.

Es gibt Gegenden mit gutem Ruf, und es gibt das Hörsterfeld. Die Großsiedlung für rund 6000 Menschen am Ostrand der Stadt gilt den meisten Bürgern als seelenloses Hochhaus-Ghetto, als Mahnmal verfehlten Städtebaus. Martina und Harald Fechtner sagen aber: „Wir wohnen gerne hier.“ Und schicken gleich einen Grund nach, auf den man erst mal kommen muss: „Die Luft hier ist so gut.“

Wir stehen am Von-Ossietzky-Ring. Links halbhohe Hochhäuser, vielleicht fünf- oder siebengeschossig, rechts hohe Hochhäuser, gut 20 Etagen. Die Wohnblöcke sind mit schwarzem Kunstschiefer verkleidet, gepflegte Gardinen und Balkone, Geranien blühen in Rot und Rosa, kurz geschorenes Gras in den Vorgärten.

Ab 1973 wurde das Hörsterfeld errichtet. Es war die Zeit, in der die SPD rief: „Wir bauen das moderne Deutschland.“ Auf Äckern der Stadtteile Horst und Freisenbruch entstanden die Großsiedlungen Isinger-, Hörster- und Bergmannsfeld. Essen hatte in dieser Zeit mehr als 700 000 Einwohner, die Leute hatten keine Lust mehr, in feuchten Altbauten zu wohnen mit kaltem Klo auf halber Treppe. In der Oststadt hatten die meisten Wohnungen Nachtspeicher. Das galt als sauber und modern.

Es waren die Jahrzehnte, in denen die Planungsverwaltungen vom Machbarkeitswahn beherrscht wurden. Ganze Generationen von Städtebau-Experten schwörten auf die „Charta von Athen“ von 1941.

Vision der „autogerechten Stadt“

Die hatte eine Antwort auf die Industrialisierung und Enge in den historischen Ortskernen. Die Antwort hieß: „Entflechtung“. Hier arbeiten, aber dort schlafen. Hier einkaufen, aber dort feiern. Und alles sollte verbunden werden mit breiten Straßen, denn die Vision der „autogerechten Stadt“, beliebt in den Sechziger Jahren, stand quasi als nächstes vor der Tür.

In die riesigen Wohnblöcke der Oststadt zogen Menschen ein, die sich als modern bezeichneten, die das neue Wohnen auch als politischen Ausdruck verstanden – als wünschenswertes, gesellschaftliches Verhältnis von Gleichheit und Gemeinschaft. Große Teile der Hochhäuser wurden von der gewerkschaftseigenen „Neuen Heimat“ errichtet.

Doch schon wenige Jahre nach dem hoffnungsvollen Start kippte der Ruf der Siedlungen. Geschäfte siedelten sich nur zögerlich an, es gab bauliche Probleme – Teile der Oststadt waren unter größtem Zeitdruck entstanden. Man vermisste Gemeinschafts-Einrichtungen, einen Marktplatz, eine Mitte. Das „Bürgerhaus Oststadt“ kam erst Jahre später.

„Das hat doch hier fast Allee-Charakter“

Die Stadt siedelte zunehmend Sozialfälle an. „Mau-Mau-Siedlung“ nannten die Leute das abfällig. Davon haben sich Bergmanns- und Hörsterfeld bis heute kaum erholt. Heute ist der Anteil der russischstämmigen Bevölkerung besonders groß in diesem Quartier.

Im Von-Ossietzky-Ring spielt der Wind mit den Blättern der Ahorn-Bäume, die seit Baubeginn gewachsen sind. Üppiges Grün ist entstanden, „das hat doch hier fast Allee-Charakter“, sagt Harald Fechtner. Der Physiotherapeut und seine Frau, die als Beamtin bei der Stadt arbeitet, entschieden sich Anfang der Neunziger Jahre ganz bewusst, vom Steeler Rott ins Hörsterfeld zu ziehen, kauften eine Eigentumswohnung. „Das liegt hier auf einer Anhöhe, hier weht immer ein frischer Wind“, sagt Martina Fechtner. Das war und ist ihnen wichtig, auch wegen eines Asthma-Falls in der Familie. Freunde und Verwandte rieten aber ab: Der Ausländer-Anteil! Der Ruf der Siedlung! Die Kriminalität!

„Von wegen“, sagt Harald Fechtner. „Laut Statistik ist hier nicht mehr oder weniger Kriminalität als woanders.“ Ein paar Jahre hat er sich im örtlichen „Bürgerladen“ engagiert, von dort hat er ein T-Shirt: „Hörsterfeld“ steht darauf, wie aus Trotz. Wenn er es anzieht, „gibt es immer Sprüche von anderen“, sagt Fechtner und lacht.

Wir gehen ein paar Schritte, plötzlich stehen wir auf einer Wiese. Die Bäume verdecken die Hochhäuser. In der Ferne Hochspannungsleitungen, die Felder nach Wattenscheid sind nicht weit, man hat das Gefühl von: Weite.

Das Gefühl von Weite

„Von hier sind’s nur fünf Minuten bis zur Ruhr runter“, sagt Fechtner. „Hier beginnt meine Joggingstrecke.“ Das Ehepaar hat hier seine Kinder großgezogen, „es gibt kaum kinderfreundlichere Gegenden als diese hier. Alles fußläufig, alles ebenerdig.“ Sie erzählen von der Hobby-Fußballtruppe, die hier regelmäßig kickt. Von Hundebesitzern und Fußgängern und Joggern, die sich nicht streiten, wie überall sonst, sondern einvernehmlich das öffentliche Grün teilen. Denn: „Platz genug ist ja da.“

Martina Fechtner hat schon in vielen Stadtteilen gewohnt, in Schönebeck oder Rüttenscheid – doch dorthin zurück will sie nicht, sagt sie. Auch nicht im Alter. „Wir würden hier gern bleiben.“ An der Carl-Wolff-Straße haben die Wohnungsgesellschaften altersgerechtes Wohnen entwickelt, verwandelten Treppen vor den Haustüren in Rampen, ein „Hausärztezentrum“ hat sich angesiedelt. Und immer wieder vor den Häusern: Bänke, Beete, Schatten. „Das hat sich hier gut entwickelt“, findet Harald Fechtner.

Und so können sie auch damit leben, dass in den Mietshäusern offenbar der Leerstand wächst, blinde Scheiben weisen darauf hin, in den Schaukästen hängen Angebote: 80 Quadratmeter, hell und freundlich, für 600 Euro warm. Und die Fechtners können mit der bedrückenden Atmosphäre der Ladenstraße leben, in der sich so gut wie nur noch ein Rewe hält, ein Blumenladen und ein Friseur. Die meisten Lokale sind leer.

Über das Pflaster rennen spielende Kinder, irgendwo dudelt ein Lumpensammler seine Melodie. Wieder rauscht der Wind in den Bäumen. „Diese Ruhe“, lobt das Ehepaar. Sie finden es schön.

 
 

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