In Altendorf ist die ganze Welt zuhause

Die Altendorferin Alima Braimah im Vida African Market. Hier findet Sie Lebensmittel, Kosmetika und Nachrichten aus der Heimat und der Kirchengemeinde.
Die Altendorferin Alima Braimah im Vida African Market. Hier findet Sie Lebensmittel, Kosmetika und Nachrichten aus der Heimat und der Kirchengemeinde.
Foto: Funke Foto Services
Altendorf hat eine bunt gewürfelte Einwohnerschaft – und jede Menge handfeste Schwierigkeiten. Für die 24. Folge unserer Stadtteil-Serie „60 Minuten in...“ waren wir mit Alimah Braimah aus Ghana in Altendorf unterwegs.

Essen. Altendorf ist der Vielvölkerstaat unter Essens Stadtteilen, knapp 40 Prozent der Bewohner haben einen ausländischen Pass. Alimah Braimah zum Beispiel kommt aus Ghana, lebt seit 2008 in Deutschland und hat in Altendorf eine neue Heimat gefunden. „Mein Bruder wohnte dort schon mit seiner Familie, so bin ich hergekommen: Das Wichtigste ist, dass meine Verwandten in der Nähe sind“, sagt die 36-Jährige.


Sie und ihr Mann haben vier Kinder, sieben und fünf Jahre alt und dann noch die zweijährigen Zwillinge. Dreimal ist die wachsende Familie umgezogen, immer innerhalb Altendorfs. Inzwischen wohnen sie direkt an der Altendorfer Straße, die Verkehrsachse und Lebensader des Viertels ist. Da finden sich zahllose Imbisse und Geschäfte, Bäcker und Buden, da staut sich regelmäßig der Autoverkehr, rumpelt die Straßenbahn entlang (zur Galerie "Das ist Altendorf").

Niederfeldsee zumindest als Geschenk an den Stadtteil gelungen


In der Wohnung höre sie nichts davon, sagt Alimah Braimah, die Fenster seien gut isoliert. Draußen störe sie der Lärm nicht, im Gegenteil: „Ich mag an Altendorf, dass es so lebhaft ist, so laut, vielleicht etwas chaotisch.“ Manchem wird diese Beschreibung arg schmeichelhaft vorkommen, gerät der Stadtteil doch immer wieder mit hässlichen Geschichten von Drogenhandel, Clan-Streitigkeiten und Gewalttaten in die Schlagzeilen; überregionale Medien ziehen ihn als Beispiel für eine verfehlte Integration heran.


Dabei wurden mehr als zehn Millionen Euro an Fördergeldern ausgeschüttet, seit Altendorf 1998 das Etikett „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ erhielt. Seither gab es Workshops zur Bürgerbeteiligung, wurden 360 Immobilien verschönert und interkulturelle Konfliktvermittler ausgebildet. Als 2013 die Bundes- und Landesmittel versiegten, fühlte sich mancher allein gelassen. Doch der „Treffpunkt Altendorf“ blieb erhalten, und ein Jahr später weihte man den Niederfeldsee mit einem Seefest ein.

Altendorf sei familienfreundlich – trotz der Dealer


„Viel zu teuer“ seien die neuen schicken Wohnungen am See, sagt Alimah Braimah. Sie geht dreimal die Woche putzen, damit die Familie mit dem Geld klar kommt. Aber als Geschenk an den Stadtteil, an die Kinder, die im Sommer darin plantschen, sei der See gelungen. Ihre Freundin Priscilla Acheampong (40) ist beeindruckt: Sie lebt heute in Frintrop und ist zum ersten Mal an der Uferpromenade wie die Rüselstraße sich hier nun nennt.


Als sie in Altendorf wohnte, gehörte Priscilla Acheampong selbst zum Reparaturbetrieb: als Stadtteilmutter, die andere Frauen beriet. Heute kommt sie gern zum Einkaufen her. Alimah Braimah nickt: „Wir haben alles vor der Haustür: Penny, Lidl – und den Vida African Market.“ Da gebe es Okra, Jamswurzeln und wunderbare Kochbananen aus Ghana. Außerdem führt der Laden an der Oberdorfstraße Mittel zum Glätten der Haare – und Nachrichten aus der afrikanischen Community: Auf Zetteln werden Taufen, Verlobungen, Heiraten angezeigt.

„Meine Kinder haben Freunde aus aller Welt“


Verwurzelt sind die Freundinnen, die sich im ghanaischen Twi unterhalten, in der Church of Pentecost: Deren Gemeinde traf sich früher in St. Mariä Himmelfahrt an der Helenenstraße. Schön sei die Kirche, aber kalt und der Klang sei nicht gut. „Wir singen und tanzen viel im Gottesdienst.“

Von dem als „Altendorfer Dom“ bekannten Gotteshaus führt Alimah Braimahs Weg nun zum Ehrenzeller Platz, wo sie samstags auf dem Markt einkauft, wo ihre Kinder radfahren. Für sie ist Altendorf absolut familienfreundlich, trotz der Dealer. „Ich habe keine Angst um meine Kinder: Es kommt darauf an, wie man sie erzieht, damit sie gefestigt sind.“


Vertrauen setzt sie in die Bodelschwinghschule: Die habe klare Regeln und Schuluniformen, so dass die Schüler einander nicht die Markenklamotten neiden. „Es ist eine internationale Schule: Meine Kinder haben Freunde aus aller Welt.“

Hirtsiefer-Siedlung, Stadtteil-Wappen und amtliche Statistik 

Sie gilt als kleine Schwester der Margarethenhöhe, ist aber viel unbekannter: Die Hirtsiefer-Siedlung in Essen-Altendorf wurde 1914 entworfen, als Gartenstadt im damals bereits dicht besiedelten Altendorf. Wegen des 1. Weltkriegs konnte man erst 1919 mit dem Bau beginnen. Architekt Theodor Suhnel legte die Häuser rautenförmig um einen Park am Bockmühlenweg an, „den sie einfassen wie einen Diamanten“.



Die sehr beliebte Siedlung zeichne sich durch „bewusst geplante Unterschiedlichkeit innerhalb einer einheitlichen Gesamtanlage“ aus, heißt es im Denkmaleintrag.

Altendorfer Wappen verweist auf den Oberhof Ehrenzell


Der Name Altendorf leitet sich von der Bezeichnung „Altes Dorf“, welches aus Oberdorf und Unterdorf bestand. Um 1220 wird „Altendorpe“ erstmals urkundlich erwähnt.