Im Takt eines alternden Herzens

Techniker Wilfried Kühn musste viele Fragen zu der 1974 erbauten Anlage beantworten. In zehn Jahren soll sie durch Digitaltechnik ersetzt werden.
Techniker Wilfried Kühn musste viele Fragen zu der 1974 erbauten Anlage beantworten. In zehn Jahren soll sie durch Digitaltechnik ersetzt werden.
Foto: Kerstin Kokoska
Das Sicherungssystem für die Bahnen der Evag hat inzwischen fast 40 Jahre auf dem Buckel. Ein Besuch in Europas größtem Stellwerk im öffentlichen Personennahverkehr offenbart, dass dort bald umgebaut werden muss.

Essen. Es klickt und klackert, fast als würden unzählige Schreibmaschinen die Vorgänge im Evag-Stellwerk am Hauptbahnhof dokumentieren. Stattdessen rattern hier 30.000 Relais, um die Sicherheit der Untergrund-Fahrgäste in den Bahnen zu gewährleisten. „Das ist die Herzkammer des Unternehmens“, erklärt der Mann, der für ein ordnungsgemäßes Klickern verantwortlich ist. Wilfried Kühn ist Leiter der Bahnsicherungstechnik und sorgt als solcher dafür, dass die 38 Jahre alte Anlage jede U- und Straßenbahnen ausbremst, wenn ihr Fahrer ein rotes Signallicht in den Tunneln überfahren hat.

Die Technik funktioniert zuverlässig, „aber wir müssen mit der Zeit gehen“, erklärt Kühn den 25 Besuchern, die in zwei Gruppen die engen Räumlichkeiten des Stellwerks besichtigen. Schon weil Ersatzteile mittlerweile unternehmensintern angefertigt werden müssen, auf dem Markt sind sie kaum noch zu bekommen. Kühns Anliegen deshalb: für eine Umrüstung des Stellwerks in Digitaltechnik werben. Bei seinen Besuchern hat er da die richtige Zielgruppe, sie zählen zu jenen, die möglicherweise die schwindenden Fördergelder für solche Projekte wieder anpassen könnten: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Mobilität und Verkehr der Grünen ist zu Gast.

Teurer Stellwerk-Umbau steht in spätestens zehn Jahren an

Von Evag-Sprecher Nils Hoffmann wird die Delegation über die Finanzierungsprobleme informiert. „Wir haben zuletzt alle Module des Stellwerks noch mal ertüchtigt“, so Hoffmann. 2,1 Millionen Euro waren fällig, 70 Prozent davon trug das Unternehmen selbst, beim Bau der Anlage 1974 blieben gerade mal zehn Prozent ohne Förderung. „Das System muss dringend umgestellt werden“, fordert Hoffmann deshalb. Sanierungen von alten Anlagen erhielten kaum die nötigen Zuschüsse. Wie viel es für den 40 Millionen Euro teuren Stellwerk-Umbau geben wird, weiß heute noch niemand. Fakt sei, dass dieser in spätestens zehn Jahren anstehe.

Dabei ist das alte Stellwerk längst nicht die einzige Baustelle des Essener Verkehrsunternehmens. In den nächsten zehn Jahren werden laut Hoffmann 350 Millionen Euro für Investitionen nötig. Allein 60 Millionen in den nächsten zwei für 27 neue U- und Straßen-Bahnen. 60 Prozent davon werden gefördert, früher waren es 90 Prozent. Alternativen zur Neuanschaffung gebe es nicht. „Wir müssen neu bestellen, denn für Umbauten der alten Bahnen gibt es im Verkehrsverbund Ruhr gar keine Förderungen“, erklärt Hoffmann.

Sammelbestellung selbst innerhalb des Verkehrsverbunds schwierig 

Einzig Sammelbestellungen können die Kosten drücken. „Viele Dinge sind einfacher, wenn man sich zusammen tut“, sagt der Evag-Sprecher, bei neuen Zugbestellungen sei dies jedoch schwierig. So können aufgrund von unterschiedlichen Spurenbreiten selbst die in der Verkehrsgesellschaft Via zusammengeschlossenen Unternehmen aus Duisburg, Mülheim und Essen nicht immer zusammen ordern. Wie viel Geld mit gemeinsamen Anschaffungen gespart werden kann, bewies jüngst die Umstellung des Funkverkehrs auf Digitaltechnik: Durch die Beteiligung der Rheinbahn und aller Via-Unternehmen konnten die Kosten um 14 Millionen Euro gedrückt werden.

Eine Lösung für den Umbau von Europas größtem Nahverkehrs-Stellwerk, das sich im südlichen Teil des U-Bahnhofs befindet, ist das freilich nicht. Angesichts des Sparzwangs im NRW-Bau- und Verkehrsministerium stellt sich da die Frage, wie die Unterstützung des Landes in Zukunft gesichert werden kann. „Der Schwerlastverkehr muss mehr beisteuern“, fordert der Grünen-Landtagsabgeordnete Rolf Beu bei seinem Besuch in Essen. Außerdem müsse man „neue Wege“ finden, um mit dem Verkehrssystem Geld zu erwirtschaften, „das dann natürlich auch wieder für den Verkehr genutzt werden muss“, sagt Beu.

Analge muss während des Umbaus weiterlaufen

Der Umbau des alten Stellwerks wird dann eines dieser Projekte der Zukunft sein – und laut Wilfried Kühn nicht nur finanziell eine Herausforderung: „Die alte Anlage muss während des Umbaus laufen, das wird problematisch.“ Duisburg soll es ab 2017 vormachen. Bis es soweit ist, klickert und klackert es aber erstmal weiter.

 
 

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