Im Aalto-Theater steht Spielzeit voller Entscheidungen an

Martina Schürmann
GMD Tomáš Netopil, Intendant Hein Mulders, Ballett-Chef Ben Van Cauwenbergh bei der Programmvorstellung.
GMD Tomáš Netopil, Intendant Hein Mulders, Ballett-Chef Ben Van Cauwenbergh bei der Programmvorstellung.
Foto: WAZ FotoPool
Hein Mulders, Super-Intendant des Aalto-Theaters in Essen, geht mit einem Auslastungs-Plus und fünf neuen Stücken in sein zweites Jahr. Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh setzt erneut auf klassische Stoffe. Eine enge Verbindung wird es auch weiterhin zwischen Aalto und Philharmonie geben.

Essen. Im Aalto-Theater in Essen bricht in der neuen Spielzeit das Jahr der Entscheidungen an. Nicht, dass jetzt jemand auf die Idee kommt, die Amtszeit des neuen Super-Intendanten Hein Mulders sorge nach einem Jahr schon für Debatten. Ganz im Gegenteil ist der Niederländer höchst zufrieden mit der bisherigen Resonanz und kann mit bislang 85 Prozent Auslastung sogar eine deutlich höhere Auslastung als im letzten Jahr der Soltesz-Intendanz (78 Prozent) vorweisen.

Entscheidungen fallen dafür auf der Bühne – über Liebe, Tod und menschliche Opfer. Fünf neue Stücke bringt das Aalto 2014/2015 auf die Bühne, davon eine Koproduktion mit den Opernhäusern Dresden und Graz. In der darauffolgenden Spielzeit sollen es sogar vier Kooperationen mit internationalen Häusern werden, kündigt Mulders an. Angesichts der knappen finanziellen Situation müsse man sehen, nicht ins Provinzielle abzufallen.

Keinesfalls provinziell ist die Besetzung der Eröffnungspremiere. Mit Puccinis „Manon Lescaut“ kommt Stefan Herheim wieder nach Essen; der Regisseur, der Essen schon einen aufsehenerregenden „Don Giovanni“ schenkte, bevor ihn Bayreuth auf den Hügel rief. Am Pult steht Giacomo Sagripanti.

Ungewohnte, avantgardistische Pfade

Mit „Idomeneo“ kommt eine Mozart-Oper nach Essen, die am Aalto noch niemals auf dem Spielplan stand. In Berlin sorgte Hans Neuenfels Fassung vor einigen Jahren für einen handfesten Religions-Streit. In Essen nimmt sich Francisco Negrin der Choroper an, die vor allem mit Hilfe der Brost-Stiftung realisiert werden kann und eine echte Star-Besetzung ermöglicht. Mit Sopranistin Julia Kleiter und ihrem Ehemann, dem Tenor Eric Cutler, kommen zwei Sänger ans Haus, die sonst auch an der New Yorker Met gefeiert werden.

Auf ungewohnte, avantgardistische Pfade begibt sich das Aalto mit György Ligetis „Le Grand Macabre“, einer Operngroteske über den großen Gaukler Tod. Mariame Clément wird diesem Meilenstein der Musikgeschichte aus den 1970ern inszenieren, Dima Slobodeniouk hat die musikalische Leitung. „Das Stück der Saison“, gibt sich Mulders jetzt schon erwartungsfroh.

Spielzeit klingt lyrisch aus

Richard Strauss hat in Essen viele Jahre lang den Spielplan geprägt. Ein Werk hat Amtsvorgänger Stefan Soltesz aber ausgelassen, die komische Oper „Die schweigsame Frau“. Guy Joosten, der in Essen schon zweimal gearbeitet hat, inszeniert, Martyn Brabbins steht bei dieser Produktion am Pult der Essener Philharmoniker.

Lyrisch wird es zum Ausklang der neuen Spielzeit. Antonin Dvořáks Meerjungfrauen-Oper „Rusalka“ soll in der Regie von Lotte de Beer weniger märchenhaft als freudianisch daherkommen, sagt Mulders. Tomáš Netopil wird sich am Pult einmal mehr als Spezialist fürs osteuropäische Repertoire empfehlen.

Mehr Kooperation mit Klassik Lounge und Kammeroper

Das Zusammenrücken der Sparten bleibt auch in der neuen Spielzeit das große Thema der Theater und Philharmonie. Enge Verbindungen pflegen dabei nicht nur Aalto und Philharmonie, die Vortrag, Vorstellung, Konzert und Probenbesuch als Gesamtpaket anbieten. Beim Festival für Neue Musik „Now“, das diesmal mit George Benjamins zeitgenössischer Kammeroper „Into The Little Hill“ aufwartet, gestalten Philharmonie, Aalto und das Schauspiel ab 1. November den gemeinsamen Auftritt in der Casa.

Musiker der Essener Philharmoniker ziehen mit ihrer „KlassikLounge“ dazu ins Café Central und servieren bei freiem Eintritt und lockerer Atmosphäre musikalische Feinkost.

Entspannte Stimmung verspricht auch der Auftritt von Fräulein Vorlaut und Miss Betterknower alias Marie-Helen Joël und Christina Clark, die bislang vor allem fürs Nachwuchspublikum verantwortlich zeichneten. In der neuen Spielzeit laden sie nun alle zwei Monate zur Teatime-Plauderei mit Info-Zückerchen zur jeweils anstehenden Opern-Premiere ins Aalto-Foyer.

Auch der von manchen geliebte, aber nicht von allen besuchte Liederabend bekommt ein neues Format – und verbindet unter dem Titel „Mehrmusik“ künftig Vortrag, Liedgut und Theater-Texte.

Tänzer gehen auf eine Odyssee

Die Auslastungszahl von bisher 90 Prozent in dieser Spielzeit spricht eine deutliche Sprache. So setzt Ballettintendant Ben Van Cauwenbergh nach „Cinderella“, die sogar nach Japan eingeladen ist, und der mit Gelsenkirchen realisierten Koproduktion „Giselle“ auch in der kommenden Spielzeit auf Handlungsballette in moderner Interpretation. „Mit einem dreiteiligen Abend ist das Haus fast leer“, erklärt er seine Entscheidung.

Den Auftakt der Saison bestreitet er selbst als Choreograf mit einer neuen Version von „Romeo und Julia“ (Premiere: 1. November 2014). „Es soll ja auch für mich spannend bleiben“, meint Van Cauwenbergh, der die Liebesgeschichte bereits vor 20 Jahren auf die Bühne brachte. Die zweite Produktion übernimmt der Franzose Patrick Delcroix, der in Essen bei „Zeitblicke“ einen ausdrucksstarken Überlebenskampf mit „End-Los“ zeigte. Nun widmet er sich in seinem ersten Handlungsballett Homers „Die Odyssee“ (Premiere: 18. April 2015) und steuert zur Vernetzung der Sparten in der Reihe „Kunst²“ bei. Den anderen Teil bestreitet Regisseur Volker Lösch im Schauspiel. Parallel dazu will das Ballett mit dem großen Bildungsprojekt „Queeny“ (P: 24. Mai 2015) Grund- und Realschüler begeistern. „Wenn ich sie für den Tanz gewinnen könnte“, so der Ballettintendant, „wäre das ein Erfolg.“