IHK mahnt - „Wir dürfen die Industrie nicht vergessen“

Janet Lindgens
Produktion in der CPH Deutsche Chemie GmbH an der Heinz-Bäcker-Straße.
Produktion in der CPH Deutsche Chemie GmbH an der Heinz-Bäcker-Straße.
Foto: WAZ FotoPool
Die Industrie- und Handelskammer meint: Die jüngsten Abwanderungsmeldungen von Unternehmen sind nicht kennzeichnend für den gesamten Wirtschaftsstandort. Dennoch muss in Essen mehr passieren, um den Firmen eine Perspektive zu bieten, fordert sie.

Essen. Die Jenoptik-Tochter ESW will dem Standort Essen den Rücken kehren, Vodafone zieht sich zurück, genauso Nokia-Siemens Network oder der Biohändler „Flotte Karotte“. Das sind nur einige Beispiele, die im letzten halben Jahr bekannt wurden. Dagegen gibt es kaum Meldungen, dass sich neue Unternehmen in Essen ansiedeln. Warum? Janet Lindgens sprach darüber mit dem Hauptgeschäftsführer der IHK Essen, Mülheim, Oberhausen, Gerald Püchel, sowie dem IHK-Bereichsleiter Industrie, Heinz-Jürgen Hacks.

Herr Püchel, Herr Hacks, was ist los am Standort Essen?

Gerald Püchel: Die Meldungen bilden nicht die tatsächliche Entwicklung in Essen ab. So ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Außerdem stehen hinter Abwanderungen von Unternehmen oft rein private Gründe. Mit dem Standort Essen hat das nichts zu tun.

Heinz Jürgen Hacks: Die Erfolge spielen sich meist im Stillen ab.

Die Rückkehr von Thyssen-Krupp war sicher ein Riesenschritt für Essen. Aber in letzter Zeit ist es mit Neuansiedlungen ruhig geworden.

Hacks: Wir haben ein Problem im gewerblichen Bereich, weil uns die Flächen für neue Industrieansiedlungen fehlen.

Püchel: Eine große Fabrik werden wir in Essen nicht mehr bekommen. Das sollte aber auch nicht das Ziel sein. Der Mix aus mittelständischen Betrieben macht uns weniger anfällig. Denn alles, was subventionsgestützt kommt, ist auch schnell wieder weg. Das hat das Beispiel Nokia in Bochum gezeigt. Uns muss es vor allem darum gehen, den bestehenden Unternehmen eine Perspektive zu geben. Hierzu gehört auch eine weitere Verzahnung von Forschungseinrichtungen mit den ansässigen Unternehmen. Es wäre gut, wenn es gelingen würde, anwendungsnahe Forschungseinrichtungen wie ein Fraunhofer- oder Max-Planck-Institut nach Essen zu holen. Essen ist immerhin die einzige Stadt mit mehr als 500 000 Einwohnern, die derartige Forschungsinstitute nicht hat.

Ikea sucht einen neuen Standort in Essen und wollte auch ein Fachmarktzentrum errichten. Hat Sie der harte Kurs der Stadtverwaltung überrascht?

Püchel: Nein, ich kann ihn verstehen.

Es heißt, demnächst wird sich ein neuer Call-Center-Betreiber in Essen niederlassen. Ist das die wirtschaftliche Zukunft in der Stadt?

Hacks: Jedes neue Call-Center ist uns lieb und teuer. Aber das alleine kann es nicht sein. Wir dürfen die Industrie nicht vergessen.

Püchel: Deshalb begrüßen wir die jüngst ins Leben gerufene Industrieinitiative der Essener Wirtschaftsförderung.

Die Entwicklung neuer Industrieflächen ist wegen der Bergbaualtlasten in Essen oft zu teuer. Essens Wirtschaftsförderer Dietmar Düdden hat deshalb jüngst öffentliche Gelder für die Erschließung gefordert.

Püchel: Dem kann ich mich nur anschließen. Aber wir müssen auch um jede bestehende Industriefläche in Essen kämpfen. Beispiel Scheidtsche Hallen in Kettwig: Nichts gegen die Wohnbebauung dort, aber damit ist ein Industrieareal ein für alle mal weg.

Setzt Essen derzeit zu stark auf das Bauen von Wohnungen statt auf die Erschließung von Gewerbeflächen?

Püchel: Wir haben von beidem zu wenig.

An wen richtet sich Ihr Vorwurf konkret?

Püchel: An die städtische Politik. Sie muss mutiger vorgehen und mehr Flächen ausweisen, auch gegen den Widerstand Einzelner. Auch im Essener Süden.