„Ich bin glücklich, dass ich lebe“

Die WAZ hat ihre Leser gebeten, die Erinnerungen an die Stunde Null in Essen aufzuschreiben. Renate Smirnow-Klaskala aus der Straße „In der Senke“ in Schonnebeck ist dem Aufruf gefolgt. Ihr Bericht:

„Als der Krieg zu Ende ging, kamen meine Mutter, mein kleiner Bruder, der noch im Kinderwagen lag, und ich – ein kleines fünfjähriges Mädchen – nach Essen zurück.

Januar 1945 waren wir im eisigen Winter von Schlesien geflohen, nach langer Irrfahrt landeten wir in Bayern. Dort erlebten wir das Kriegsende. Am Straßenrand stehend betrachteten wir den Einzug der Amerikaner. Was das bedeutet, habe ich wohl noch nicht ganz begriffen.

Als wir endlich endlich wieder in Essen zurückkamen , war die Stadt verändert. Zerbombte Häuser, kaputte Straßen, Bombentrichter. Das Wichtigste aber war, wieder vereint mit Oma und Opa und Tanten zu sein. Na, Onkel gab es da nicht, sie waren gefallen, wie mein Vater, vermisst oder in Gefangenschaft.

Meine Oma ging mit mir einkaufen, was mich besonders beeindruckte war, dass der Laden in einem ausgebombten Haus im Keller war. Trotzdem kamen mir die paar Lebensmittel himmlisch vor – mit Gerüchen, die ich nicht kannte.

Meine Tante nahm mich mit auf Besuch. Wir mussten über einen riesigen Fluß (kam mir so vor, war wohl der Rhein-Herne-Kanal). Die Brücke, eine solche sollte es wohl sein, spannte sich drüber. Sie bestand aus Trittbrettern und Seilen, die beängstigend schaukelten. Aber die Hand meiner Tante war sicher.

Als wir das Ziel erreicht hatten, war es verschwunden. Nur noch ein Trümmerfeld. Spielen konnten wir Kinder aber immer noch, noch hatten wir nicht verspielt.

Wir spielten zwischen Trümmern und geheimnisvollen Stollen, worüber die schlimmsten Gräuelgeschichten im Umlauf waren, die wir immer und immer wieder hören wollten.

Nachkriegsgeschichten können endlos sein, ich mache Platz für das Heute und bin glücklich, dass ich lebe, leben darf, überlebt habe.“

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