Huyssenalle - ein Boulevard weit unter Wert

Essen.. Sie war mal die Essener Prachtstraße schlechthin: Die Huyssenallee leidet trotz der Kulturbauten unter Auszehrung. Engagierte Architekten wollen das jetzt ändern: mit Wohnungen.

Sie war mal die Essener Prachtstraße schlechthin, der Versuch, städtebaulich an die großen Metropolen und ihre breiten, vornehmen Boulevards anzuknüpfen. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg aber hatte die Huyssenallee viel von ihrem Glanz verloren, auch die großen Zeiten der Büro- und Möbel-Meile sind inzwischen vorbei, und nicht mal die wunderbaren Kulturbauten konnten den Niedergang aufhalten. Zwei Essener Architekten, Christian Kohl und Georg Ruhnau, haben sich unabhängig voneinander vorgenommen, das große Potenzial dieser Straße wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Leere oder falsch genutzte, eigentlich aber hochattraktive Ladenlokale, große Vermietungsschilder in nicht wenigen Büro-Obergeschossen - dass auf der Huyssenallee ein Neuanfang dringlich wäre, ist unübersehbar. Glaubt man Ruhnau, geht das nur über eine Umwandlung in Wohnraum: „Ich bin sicher, dass die Huyssenallee als Wohnstandort funktionieren wird.“

Im Luxussegment liege für diesen breiten und dabei zum Glück nicht sonderlich verkehrsgeplagten Boulevard die Zukunft. Großzügige Etagenwohnungen mit Tiefblick auf Aalto, Philharmonie und Stadtgarten sowie Fernblick über die gesamte Stadt würden, da ist sich Ruhnau sicher, ihre Käufer finden. Schaffen ließe sich so der generelle Einstieg in die Revitalisierung der Straße. Denn wo gewohnt wird, da ist Leben, und wo Leben ist, siedeln sich auch wieder mehr Geschäfte an.

„Genau in dieser Lage liegt aber die Qualität“

Unten in der jetzigen Realität ist von so hochfliegenden Plänen noch wenig zu spüren. „In den letzten 20 Jahren ist die Huyssenallee aus der Zeit gefallen“, sagt Christian Kohl, der namens des Essener „Bundes deutscher Architekten“ am Wochenende eine Gruppe interessierter Bürger über den Boulevard geführt hat. Zwischen der Innenstadt und dem prosperierenden Rüttenscheid gelegen - eigentlich beide verbindend -, wirkt die Huyssenallee fast wie stillgelegt. „Genau in dieser Lage liegt aber die Qualität“, meint Ruhnau.

Nur: Müsste man für eine bessere Zukunft nicht fast alles abreißen? Viele Bürger würden die Bürobauten der Huyssenallee wohl mit dem Verdikt „hässlich“ versehen. Architekten können mit dem breiten Architekturgeschmack meist wenig anfangen, und auch Kohl versucht, die durchaus vorhandenen Qualitäten der Bauten aus den 1950er Jahren hervorzuheben, ihre bescheidene Formensprache als authentischer Ausdruck einer bescheidenen Zeit zu erklären. Als besonders bemerkenswert gilt Koch die frühere Zentrale der Gerling-Versicherung, inzwischen Sitz der Mercator-Stiftung. Auch das frühere Ferrostaal-Haus, heute von Hochtief genutzt, könnte man positiv nennen.

Allerdings ist auch Abriss und Neubau ein Thema. Das Essener Immobilien-Unternehmen Adams und Partner steht führt derzeit Kaufverhandlungen über den Block Huyssenallee/Heinrichstraße/Dreilindenstraße. Ziel ist der Bau einer großen Wohnanlage, über deren Dimensionen nach oben es allerdings noch einigen Gesprächsbedarf mit der Stadt gibt. Grundsätzlich stehe dem Wohnen an der Huyssenallee baurechtlich nichts im Wege, betont Planungsdezernent Hans-Jürgen Best, der „richtig klasse“ findet, dass die Architekten den Boulevard stärker ins Bewusstsein rücken wollen. Auch als Stadt werde man dazu einen Beitrag leisten. Auch praktisch ist einiges passiert: Der früher arg buschige Wildwuchs, der Parkplätze und Fahrbahn trennte, wurde gelichtet. So hat die Allee wieder ein einiges zurückerhalten von ihrer alten Großzügigkeit.

Für Bismarck- oder Friedrichstraße ist der Zug abgefahren

Wer Huyssenallee, Bismarckstraße, Friedrichstraße , Hohenzollern- und Kronprinzenstraße heute sieht, wer sich die Gegend um den Stadtgarten im Ganzen betrachtet, hat Mühe sich vorzustellen, dass dies einmal Essens feinstes Wohngebiet war. Nur vereinzelt finden sich noch alte Stadtvillen, die den einstigen großbürgerlichen Glanz aufscheinen lassen. Der letzte und gleichzeitig schwerste Bombenangriff, den Essen im Weltkrieg erleben musste, hat rund um die Huyssenallee im März 1945 fast jeden Quadratmeter umgepflügt.

Das war der erste Schlag. Der zweite kam beim Wiederaufbau, als die Verkehrsplanung im Sinne der „autogerechten Stadt“ einst ruhige Wohnstraßen in Auto-Schneisen verwandelte. Folgerichtig wurden viele frühere Wohnhäuser durch Bürogebäude ersetzt - die jetzt leerstehen.

Für Bismarck- oder Friedrichstraße ist der Zug abgefahren. Die Huyssenallee aber, da ist sich auch die Stadt mit den Architekten einig, kann mehr.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen