Huttrop trotz Leerständen ein Stadtviertel mit Potenzial

Im Südostviertel rund um den Wasserturm gibt es neben wenig ansehnlichen Nachkriegshäusern etliche Altbauten, von denen viele in letzter Zeit renoviert wurden. Das Bild von Mittwoch, 11.04.2012 zeigt Altbauten an der Steeler Straße. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool
Im Südostviertel rund um den Wasserturm gibt es neben wenig ansehnlichen Nachkriegshäusern etliche Altbauten, von denen viele in letzter Zeit renoviert wurden. Das Bild von Mittwoch, 11.04.2012 zeigt Altbauten an der Steeler Straße. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool
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Wohnen kann man rund ums Huttroper Einkaufszentrum recht gut. Doch prägen Leerstände und Billig-Ketten das Bild. Die Essener Wirtschaftsförderung (EWG) hofft nun, mit dem XXL-Sortiments-Herrenausstatter einen Initialzünder für weitere Neuansiedlungen im Huttroper Stadtteilzentrum gefunden zu haben.

Essen.. In den 1980er Jahren liefen die Geschäfte gut, mit den Jahren dann schlechter. „Heute öffne ich den Laden nur noch vormittags und samstags gar nicht mehr“, sagt Elisabeth Bachstroem. Dabei gibt es den vormals von ihrem Vater geführten Juwelierbetrieb seit 1929. „Seit 1968 sind wir an der Steeler Straße.“ Doch die Kundschaft wurde in den letzten Jahren zunehmend weniger. „Wenn man hier sonntags nachmittags schaut, ist die Straße menschenleer.“

Wahrlich, zum Schaufensterbummel lädt das einst florierende Huttroper Einkaufszentrum an der Steeler Straße heute nicht mehr ein. Döner, Pizzeria, Spielhalle, und der Grill, Tür an Tür mit einem Internetcafé, wirbt bilingual in deutscher und arabischer Sprache. Gleich 16 Leerstände verzeichnet die Essener Wirtschaftsförderung (EWG) auf der Huttroper Einkaufsmeile. Die Reihenfolge: Boutique, Leerstand, dm-Markt. Backwerk, Döbbe, Leerstand.

„In der Regel machen sich die Leute ihre Ortsteile selbst kaputt"

Wo führt das hin, wenn dort, wo einst Junius’ Personal fachgerecht edles Porzellan an die Hausfrau brachte, nun die Kette Tedi Teller im Dutzend als 1-Euro-Schnäppchen verscherbelt? Bezirksbürgermeister Peter Valerius gibt sich keinen Illusionen hin: „In der Regel machen sich die Leute ihre Ortsteile selbst kaputt und dann bleibt eben das übrig“, sagt er. „Zehn Minuten braucht man mit der Linie 109 nach Steele und zum Limbecker. Wenn alle Leute da einkaufen, dann geht der inhabergeführte Einzelhandel im Stadtteil kaputt.“

Nun wäre es leicht, wegen der sich breit machenden Billiganbieter nur über den Niedergang zu lamentieren. Denn es gibt sie vereinzelt noch, die Alteingesessenen. Der Orthopädie-Schuhmacher-Meister Struzek trotzt der Billigkonkurrenz mit schicker Fassade, Frau Bachstroem hält an den Vormittagen tapfer durch und auch Jan Olgenmöller, der die Wasserturm-Apotheke betreibt und Sprecher des Werberings „Wir am Wasserturm“ ist, hofft auf bessere Zeiten.

Dabei: Olgenmöller hofft nicht nur, er feilt daran. „Wir führen mit der Verwaltung Gespräche, um die Steeler Straße wieder zu einer attraktiven Einkaufsstraße zu machen.“ Nun ist das Vorhaben ambitioniert – doch die Spielräume sind gering. Knapp über 20 000 Fahrzeuge rollen täglich über die Steeler Straße. „Sie ist einer der Unfallschwerpunkte in der Stadt. Viele Lkw’s, die von der A40 nach Steele wollen, nutzen die Straße als Rennstrecke“, sagt Olgenmöller.

Verkehrslösung gesucht

[kein Linktext vorhanden] Parkbuchten hätte er gern, Bäume und Grünflächen, die die Buchten abgrenzen. Die SPD will gar eine Tempo 30-Zone einrichten. Doch gibt es keine Alternativ-Strecken. Die Ruhrallee ist verkehrstechnisch am Limit. Das Fassungsvermögen der Schönscheidtstraße ebenfalls. So suchen die Ortspolitiker „seit zig Jahren“ nach einer Lösung, wie Valerius beteuert – greifbar ist sie nicht.

Doch derweil der Verkehr unbarmherzig rollt, tut sich in den hinteren Lagen, den Straßen, die in die Steeler Straße münden, einiges. Schöne Altbau-Fassaden und alter Baumbestand bestimmen dort das Bild. „Da ist aufwendig saniert worden und die Mieten sind auch gar nicht günstig“, sagt Elisabeth Bachstroem. „Es gibt hier viele kaufkräftige Menschen, die bedauern, dass immer mehr inhabergeführter Einzelhandel abwandert.“

Doch es drängt sich die Frage auf: Ist nicht auch das gewollt im Viertel? Schließlich scheint es Abnehmer zu geben für Schuhe und Shirts zum Schleuderpreis. Gäbe es sie nicht – auch diese Ladenbetreiber hätten das Wirtschaften längst sein gelassen. Nun sind diese Läden eher funktional als attraktiv gestaltet und laden kaum zum Schaufensterbummel ein. Der Schaulustige sucht gemeinhin eher das Schöne, nicht das Funktionale.

Was man dagegen tun kann? „Ich verstehe die Vermieter nicht, die lieber für drei Monate an einen Gold-An- und Verkauf vermieten, als ein bisschen länger zu warten und einen vernünftigen Mieter zu nehmen.“ Doch vielleicht sind es die Erfahrungen der letzten Jahre, die Mieter dazu treiben, sich auch mit bedingt akzeptablen Lösungen zu arrangieren. Denn „die großen Flächen auf denen heute NKD und Döbbe sind, standen zwei Jahre lang leer“, sagt Olgenmöller. „Dagegen ist heute schon wieder ein deutlicher Aufwärtstrend auszumachen. 2004 und 2005 habe es wesentlich finsterer ausgesehen.

Altes Kino in "traumhafter Lage"

Immerhin, es ist Hoffnung. Und einer der Hoffnungsträger ist Andreas Wilhelm. Die Essener Wirtschaftsförderung (EWG) hofft mit dem XXL-Sortiments-Herrenausstatter einen Initialzünder für weitere Neuansiedlungen im Huttroper Stadtteilzentrum gefunden zu haben, wie EWG-Sprecherin Claudia Peters erklärt. Die Werbegemeinschaft „Wir am Wasserturm“ hofft ihrerseits, dass Wilhelms Kundschaft über die A40-Brücke, die als trennendes Element im Geschäftszentrum wahrgenommen wird, den Weg auf die Einkaufsmeile findet.

Und Andreas Wilhelm? Hofft schlicht auf gute Geschäfte. In die Immobilie des ehemaligen Olympia-Theaters habe er sich auf den ersten Blick verliebt, vor einem Jahr kaufte er das geschichtsträchtige ehemalige Kino, das eine bewegte Vergangenheit hat. Frank Zappa gab dort anno 1968 sein allererstes Deutschlandkonzert, Filmpremieren brachten Glanz an die Steeler Straße. Zuletzt bespielte ein Jeans-Shop-Betreiber die Immobilie, dann stand sie zwei Jahre leer.

Wilhelm schließlich baute aus und um, fand in der ersten Etage alte Designobjekte, möbelte sie auf, integrierte sie in den neu eröffneten Laden. Die Parkplätze vor der Tür, die direkte Anbindung an die A40 – „das Haus hat einfach eine traumhafte Lage“, sagt er. Mit Mode im XXL-Format will er Kunden aus dem Ruhrgebiet über die Haupt-Verkehrsader nach Huttrop locken. Immerhin: Wilhelm führt ein gesuchtes Sortiment, das Konzept also könnte aufgehen, für den Stadtteil ein Gewinn sein.

Und wenn diese Kunden schon ins Quartier kommen und sich umschauen – ein zweiter Blick in die hinteren Lagen lohnt sich.

 
 

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