„Hunger hatten wir immer“

Flüchtlings-Meldeschein von Franz Soodmann.
Flüchtlings-Meldeschein von Franz Soodmann.
Foto: NRZ
Im vierten Teil unserer Serie über die Kriegsgeneration stellen wir Ihnen heute zwei Zeitzeugen vor, die bereits in den 20er Jahren geboren wurden. Die NRZ-Leser Marianne Meuer-Funk und Franz Soodmann sind beide Kruppianer und haben bereits in jungen Jahren viel durchgemacht.

Essen. Mit 18 Jahren wurde Franz Soodmann zur Wehrmacht eingezogen. Seine Ausbilder bei der 97. Jäger-Division gaben ihm Moskitonetze für den Einsatz in Afrika, aber kurze Zeit später stand er schon im winterlichen Russland, stürmte den berüchtigten „Tatarenwall“ und kam gegen Ende des Krieges in Gefangenschaft. „Das war am 28. März 1945, genau um 9 Uhr“, erinnert sich der heute 89-Jährige. Das Datum wird er nie vergessen und auch so manch anderen Moment nicht.

Besonders in Erinnerung geblieben sind Soodmann die Weihnachtstage im Schützengraben. Die russische Heeresleitung ließ deutsche Weihnachtslieder spielen und versprach jedem potenziellen Überläufer ein warmes Essen und eine Frau. Die Antwort kam prompt, erzählt Soodmann schnörkellos, „und zwar mit dem Maschinengewehr“. Seine Erzählungen sind alles andere als verklärte Kriegsromantik. Wenn Soodmann spricht, dann so, wie ihm der Mund gewachsen ist. Über die Jahre in der Wehrmacht sagt er, dass er weder Held noch Feigling gewesen sei. „Auch wenn wir alles ausbaden mussten, was der Hitler verzapft hat, habe ich die Russen am Ende sogar lieb gewonnen“, erklärt unser Zeitzeuge.

Auf der Suche nach der Familie

Soodmann erinnert sich, dass ihm ein paar russische Frauen heimlich Brot brachten und dass diese ordentlich Prügel kassierten, wenn man sie dabei erwischte. Der NRZ-Leser hat seine Lebenserinnerungen für die Kinder und Enkelkinder niedergeschrieben. Allein die Zeit in Russland umfasst rund 100 Seiten. Einige Abläufe sind ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sich noch viele Jahre später dabei erwischte, wie er etwa seine Schuhe in den Kopfkissenbezug einrollte, damit ihn niemand in der Nacht bestehlen konnte. „Manchmal könnte ich heulen, aber manchmal auch lachen. Es ist so skurril,“ sagt der 89-Jährige.

Soodmann wird auch nicht den Tag vergessen, an dem er wieder in seine Geburtsstadt zurück durfte. Mutter und Geschwister wussten nicht, dass er nach Hause kommen würde und er hatte keine Ahnung, wo er nach seiner Familie suchen sollte. Andere Soldaten hatten ihm berichtet, dass Angehörige in der Regel eine Nachricht am alten Wohnort hinterließen, selbst wenn von der früheren Bleibe nur noch die Grundmauern übrig geblieben waren. Lange Zeit durfte er aus der Gefangenschaft heraus keine Briefe schreiben, dann aber ging alles ganz schnell: Nach knapp sechs Jahren in der Fremde stand Franz Soodmann wieder am Essener Hauptbahnhof. „Als allererstes habe ich den Handelshof gesehen und dann den altbekannten Schriftzug ,Essen – die Einkaufsstadt’, da wusste ich, dass ich wieder Zuhause bin. Mein erster Weg war die Sammelstelle vom Roten Kreuz, da gab es einen Kanten Brot und gleich darauf bin ich die Kettwiger Straße runter, rein in die Münsterkirche, dann vorne in den Gebetsraum und da habe ich dem lieben Gott gedankt, dass ich den Krieg heil überstanden habe.“

Vater war überzeugter Kommunist

Franz Soodmann ist auf der Engelbertstraße zur Welt gekommen, nicht weit entfernt von der Alten Synagoge. Sein Geburtstag ist der 23. September 1924. Anders als die meisten unserer bisherigen Zeitzeugen, hat er auch Erinnerungen an die frühen 30er Jahre und damit an die frühen Tage des Nationalsozialismus. Zu dieser Zeit besuchte Soodmann eine „bekenntnisfreie Sammelklasse“ an der damaligen Freien Schule. „Umgangssprachlich sagte man dazu Kommunistenschule“ erklärt Soodmann. „Manche Lehrer trugen bereits das Parteiabzeichen der NSDAP. Da mein Vater bekennender Kommunist war, hatte ich in der Schule häufig nichts zu lachen. Alle wussten ja, wo wir her kamen. Manchmal habe ich meinen Vater auf Demonstrationen begleitet und manchmal gab es dafür auch Prügel. Dass war auch die Zeit, in der selbst die Polizei Prügel einstecken musste. Ich erinnere mich noch, wie ein Polizist vor der Wache von SA-Leuten zusammen geschlagen wurde.“

1936 wurde Franz Soodmann zum Kruppianer. Der gelernte Maschinenschlosser arbeitete die meiste Zeit über in der Hauptverwaltung an der Altendorfer Straße. Zu seinen Aufgaben gehörten Hilfsarbeiten und Botendienste. Assistent würde man heute wohl sagen, „Spicker“ nannte man das damals. Soodmanns Einsatzort war die zweite Etage. Als Laufbursche wurde er oft in das Büro von Firmenchef Alfried Krupp von Bohlen und Halbach gerufen. „In den späteren Jahren ging es dann hauptsächlich um Unterlagen für Kriegsgeräte, meistens Artillerie-Geschütze. In den Hallen nebenan wurden vor allem Beutegeschütze repariert und da brachte ich dann die Zettel hin“, erzählt Soodmann. Auch nach dem Krieg arbeitete er wieder bei Krupp.

Marianne Meuer-Funk berichtete über ihre Kriegserinnerungen bereits 1976 in der NRZ

Als die Bomben fielen, flüchtete Marianne Meuer-Funk ins Sauerland. Die damals 20-Jährige hat ihr Handwerk ebenfalls bei Krupp gelernt und als Verkäuferin in der Kruppschen Konsumanstalt, kurz Kruppscher Basar, gearbeitet. 1940 fand sie eine Anstellung bei der Gemeinde Eslohe und war dem Krieg damit vorerst entkommen. Tagsüber arbeitete sie in der Verwaltung und erledigte alle anfallenden Bürotätigkeiten. Der Alltag schien geregelt: Dienst von 9 bis 16 Uhr, danach ein wenig entspannen in der Natur. „Auf dem Land war immer etwas los. Da gab es Schützenfeste und samstags war Tanz. Es war manchmal fast so, als wäre gar kein Krieg“, berichtet Meuer-Funk.

An anderen Tagen begegnete ihr das Grauen dafür umso deutlicher. Bei ihrer Ankunft bekam sie eine Wohnung im Amtshaus zugeteilt, die ihr noch lange Bauchschmerzen bereitete: „Noch ein paar Wochen zuvor hatten dort Juden gewohnt, die hatte man einfach abgeholt, weggeschafft und nun sollte ich die ganzen Möbel übernehmen. Mir war das äußerst unangenehm, deshalb bin ich da auch nicht lange geblieben“, betont Meuer-Funk. Später saß auch sie in Eslohe zitternd im Luftschutzkeller und hoffte auf einen baldigen Frieden. Noch heute wünscht sich Meuer-Funk vor allem, dass nie wieder Krieg geführt wird.

Der Krieg nahm ihr Ehemann und Haus

Inzwischen ist unsere Zeitzeugin 94 Jahre alt und lebt im Marie-Juchacz-Haus der Arbeiterwohlfahrt. Aber wenn man sich mit Marianne Meuer-Funk unterhalt, meint man, eine deutlich jüngere Frau vor sich sitzen zu haben. Viele Jahre lang war sie selbst in der Awo aktiv, hat den Ortsverein Haarzopf aufgebaut, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und ist nun Vorsitzende des Heimbeirates. 1976 bereits berichtete sie schon einmal in der NRZ über ihr Leben.

„Eine eher unterhaltsame Anekdote beginnt am Hagener Hauptbahnhof“, erzählt die gebürtige Holsterhausenerin. „Ich war auf dem Weg nach Eslohe und hatte meine gesamte Aussteuer in Kisten gepackt und mit Seilen verschnürt. Auf einmal gingen die Schnüren kaputt und mein gutes Geschirr knallte die Treppen runter. Was blieb, waren tausende Scherben.“

Die Rückkehr nach Essen verlief dagegen problemlos, aber als Meuer-Funk an ihren alten Wohnort in Holsterhausen zurückkehrte, stand sie erneut vor einem „Scherbenhaufen“. Das Haus war zerstört, der erste Ehemann im Krieg gefallen und außer einer Nähmaschine besaß sie nichts. „Ich war zu dem Zeitpunkt bereits Mutter, hatte also ein kleines Kind zu versorgen und flickte die Kleider von anderen Leuten, um etwas Geld zu verdienen. Es war wirklich eine schwere Zeit“, sagt sie heute rückblickend. „Hoffen wir, dass so etwas nie wieder kommt.“

 
 

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