Hilfe unter dieser Nummer

Clemens Boisseree
Freude im Asylbewerberheim an der Alten Bottroper Straße: Hanifa Parzigas (M.) und ihre Familie übergaben Kleiderspenden.
Freude im Asylbewerberheim an der Alten Bottroper Straße: Hanifa Parzigas (M.) und ihre Familie übergaben Kleiderspenden.
Foto: Herbert Höltgen
Die Hotline des Bürgeramts ermöglicht soziales Engagement für syrische Flüchtlinge. Eine Xantener Familie half unverhofft und spendete für die siebenköpfige Familie.

Essen/Xanten. Rund 65 Kilometer sind es von Essen nach Xanten. Vor zwei Jahren legte die Familie Parzigas diese Strecke zurück und zog von der Ruhr an den Niederrhein. Zurück blieben Erinnerungen – und die Telefonnummer des städtischen Bürgeramts.

Eben jene wählte Hanifa Parzigas vor einigen Wochen auf der Suche nach hilfsbedürftigen Menschen.„Einmal im Jahr versuchen wir als Familie eine Spendenaktion zu organisieren“, erklärt die Mutter von vier Kindern. Als die Familie noch in Essen wohnte, waren es unter anderem Kinder auf der Krebsstation des Uni-Klinikums, die davon profitierten, und auch nach zwei Jahren haben die Parzigas’ ihre Heimatstadt nicht vergessen.

„Die Telefonnummer kam mir zufällig in den Kopf, als ich über die diesjährige Aktion nachdachte“, schmunzelt Hanifa Parzigas. Von dort wurde sie an das Sozialamt der Stadt Essen und einen Mitarbeiter weitergeleitet. Und dem kam bei der Frage nach Hilfsbedürftigen eine Großfamilie in den Sinn, die vor zwei Monaten vor dem Krieg in Syrien flüchtete und 4000 Kilometer nach Essen zurückgelegt hatte.

Glasknochenkrankheit bei den Jüngsten

Mit sieben Personen, darunter fünf Kinder zwischen sechs und 15 Jahren, lebt die Familie nun „geduldet“ in zwei Räumen des Asylbewerberheims an der Alten Bottroper Straße in Bergeborbeck. Erschwerend kommt hinzu, dass die drei Jüngsten, sechs, elf und zwölf Jahre alt, unter der Glasknochenkrankheit leiden, bei der Knochen besonders leicht brechen, und deshalb im Rollstuhl sitzen.

Unterstützung aus dem Klinikum sei aufgrund der unklaren Versicherungslage der Familie abgelehnt worden. „Grundsätzlich wollen wir jeden Menschen behandeln, aber die finanzielle Absicherung, für die bei Asylbewerbern die Stadt zuständig ist, muss vorab geregelt sein“, erklärt Klinik-Sprecher Burkhard Büscher. Wieso dies bei der syrischen Familie nicht gewährleistet ist, bleibt zunächst unklar: Bei der Stadt war am Montag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Schuhe, Jacken und Spielzeig

Hanifa Parzigas beobachtete, wie sich die Familie selbst zu helfen versucht: „Der Vater versucht Medikamente zu verabreichen, ohne zu wissen, in welcher Dosierung, weil er die Sprache nicht versteht – die ganzen Umstände waren erschreckend“, erinnert sich die 39-Jährige an den Besuch im Essener Nordwesten.

Danach entschied sie, dass die Flüchtlinge die Unterstützung ihrer Familie bekommen. „Wichtig ist, dass wir für Leute da sind, die wirklich Hilfe brauchen.“ Sie kauften Schuhe und Jacken, sammelten in den eigenen Schränken und sprachen Freunde der Familie in Essen und Xanten an, die Spielzeug für die Kinder zur Verfügung stellten. Am vergangenen Wochenende besuchte dann die ganze Familie das Asylbewerberheim und übergab alles an die jungen Flüchtlinge und deren Eltern. Darüber hinaus setzt sich Parzigas für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung der Syrer ein, möchte notfalls auch juristische Hilfe für die sieben engagieren. „Angesichts der schweren Krankheit der drei Kinder und der Situation in ihrer Heimat müssen sie ein Recht haben, hier bleiben zu dürfen“, meint sie.

Das regelmäßige soziale Engagement soll aber nicht nur den Bedürftigen zu Gute kommen, sondern auch dem eigenen Nachwuchs, der zwischen 16 Monaten und 14 Jahren alt ist. „Wir möchten unsere Kinder lehren, dass es auch bei uns Menschen gibt, denen man helfen muss“, hofft die ehemalige Holsterhauserin auf einen Erziehungseffekt. Deshalb werde man die Aktion auch nächstes Jahr fortsetzen. Und vielleicht erinnert sie sich dann, auf der Suche nach Bedürftigen, erneut an eine Telefonnummer mit der Vorwahl 0201.