Helmpflicht: „Das wäre eine Kapitulation“

Michael Mücke
Die Zahl der Radfahrer, die einen Helm tragen, nimmt zwar zu. Aber der Anteil der  Oben-Ohne-Biker ist immer noch beträchtlich – wie diese Zufallsaufnahme von einer Radfahrer-Demo am Waldthausenplatz vor sieben Wochen zeigt.
Die Zahl der Radfahrer, die einen Helm tragen, nimmt zwar zu. Aber der Anteil der Oben-Ohne-Biker ist immer noch beträchtlich – wie diese Zufallsaufnahme von einer Radfahrer-Demo am Waldthausenplatz vor sieben Wochen zeigt.
Foto: WAZ
Eine Helmpflicht lehnt der ADFC in Essen weiter ab. Wichtiger sei es, das Radfahren in Essen sicherer zu machen

Essen.  Hauptsache „oben mit“ – immer mehr Radfahrer greifen zum Helm. Gerade Kinder und Sportradler radeln hier mit Kopfschutz, beobachtet Jörg Brinkmann, Vorsitzender des Fahrradclubs ADFC in Essen. Gut so. „Wir empfehlen grundsätzlich das Tragen von Fahrradhelmen“, so Brinkmann. Aber eine Helmpflicht lehnt er weiter entschieden ab – trotz der vor wenigen Tagen veröffentlichten zweijährigen Simulationsstudie der Unfallforschung der Versicherer (UDV), wonach bei Kollisionen mit Autos die Gefahr schwerer Kopfverletzungen bei Radfahrern sogar höher ist als bei Fußgängern.

„Jeder verunglückte Radfahrer ist einer zuviel“, sagt Brinkmann. Aber eine Helmpflicht „ist der falsche Weg. Das wäre eine Kapitulation vor den bestehenden Verkehrsverhältnissen“, warnt er. Vielmehr müsse es darum gehen, dass Radfahrer sich sicherer auf den Essener Straßen bewegen können.

Der Essener ADFC verfolgt hier zwei Strategien:

Erstens: Runter vom Gas. „Wir müssen die Geschwindigkeit des motorisierten Verkehrs weiter reduzieren“, fordert Jörg Brinkmann. „Das wäre der richtige Weg.“ Sein Vorschlag: In Essen sollte, falls nicht anders ausgeschildert, die Regelgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern gelten. Wo dies auf Hauptstraßen – etwa auf der viel befahrenen B224 nicht möglich ist – können Tempo-50-Schilder aufgebaut werden.

Zweitens: Der Radfahrer muss gut zu sehen sein. Er gehört möglichst auf die Straße, auf die Fahrbahn – und zwar auf einem durch eine Linie getrennten Radstreifen. „Die Autofahrer dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass ihnen die Straße allein gehört. Ich will nicht, dass die Radfahrer auf unseren Straßen aus dem Blickfeld verschwinden“, betont Brinkmann. Sie gehören zum Verkehrsalltag, worauf der Autofahrer sich einstellen und Rücksicht nehmen muss.

Denn: Die Unfallgefahr steige gerade dann, wenn der Autofahrer nicht mit einem Biker rechnet. Das passiere zum Beispiel dort, wo der Pedaler den Radweg verlässt, um eine Kreuzung oder Einmündung zu passieren und vom Autofahrer erst spät erkannt wird – manchmal zu spät.

Zwar wünsche sich auch der ADFC möglichst kreuzungsfreie Strecken für die Biker. „Aber in Großstädten wie Essen geht das nicht“, schränkt Brinkmann ein. Selbst der Ruhr-Radschnellweg werde nicht überall kreuzungsfrei sein.

Stillgelegte Eisenbahntrassen für Radfahrer zu nutzen, wird zwar vom ADFC begrüßt, sie seien aber nicht immer dafür geeignet, schnelle Verbindungen zur Innenstadt und zu wichtigen Zielen zu schaffen. „Da ist in Essen die Trasse Rheinische Bahn noch ein Glücksfall“, findet Jörg Brinkmann. Die Gruga-Trasse aber werde mehr von Radfahrern in ihrer Freizeit genutzt. Für die Fahrt vom Süden in die City sind die Biker weiter auf das Straßennetz angewiesen.