Heisingen, das Dorf auf der Essener Halbinsel

"Kaiserreich Heisingen": Der Essener Stadtteil ist 6,8 Quadratkilometer groß und hatte Ende 2014 exakt 12.873 Einwohner.
"Kaiserreich Heisingen": Der Essener Stadtteil ist 6,8 Quadratkilometer groß und hatte Ende 2014 exakt 12.873 Einwohner.
Foto: www.blossey.eu
Zum Auftakt unserer neuen Serie „60 Minuten in ...“ hat uns Jürgen Brendt seinen Stadtteil gezeigt: Heisingen. Die Heisinger sind statistisch betrachtet besonders deutsch und weiblich.

Essen.. Als Jürgen Brendt 1949 eingeschult wurde, hatte Heisingen rund 6000 Einwohner, schätzt er. Jeder kannte jeden, „dann entdeckten die Menschen wie schön es hier ist“. Längst ist der Stadtteil vom Bauerndorf zum beliebten Wohnort geworden. „Ehemals hatte Heisingen 120 Zechen und 24 Höfe“, erzählt Brendt bei einem Spaziergang durch seinen Stadtteil, bei dem das erste Ziel Haus Heisingen ist: „Weil hier Heisingens Geschichte anfängt.“

Haus Heisingen, ein Sommerschloss für Raubritter und Adelige

Ein wenig abseits der Dorfmitte residierten einst Äbte in diesem Sommerschloss. Raubritter und Adelige (vom Geschlecht der Stael von Holstein) wohnten darin. Brendt erzählt auch von Zeiten als das angrenzende Staelsfeld noch Schlossstraße hieß. Heute ist das Haus in Privatbesitz und steht unter Denkmalschutz. Wenige Mieter wohnen im vorderen Teil.

Nicht weit von hier am Tannenberg zeigt der Hobby-Historiker auf das Fliegerdenkmal, das an den Absturz eines Gothabombers erinnert: Das Wehrmachtsflugzeug war im Ersten Weltkrieg auf dem Weg an die Front, als es bei Nebel in Heisingen abstürzte, erklärt er. Bis heute stellen Menschen Kerzen am Denkmal auf oder aber Jugendliche feiern zu seinen Füßen. Vier Mitglieder der Besatzung wurden damals auf dem alten Heisinger Friedhof beerdigt, hinter der Kirche St. Georg, deren Kirchturm 50 Meter hoch in den Himmel ragt. „Bis zu dem Gotteshaus erstreckte sich früher der Wald“, sagt Brendt, der Heisingen als eine Halbinsel eingerahmt vom Schellenberger Wald und dem Baldeneysee beschreibt. Dort genießen nicht nur Heisinger die Natur in den Auen oder im Vogelschutzgebiet, in dem derzeit Reiher den Nachwuchs groß ziehen und Schildkröten sich sonnen, während Angler Fisch aus dem Wasser ziehen.

Feste, Boxkämpfe und Tischtennis in der Jugendhalle Heisingen

Früher gab es in Heisingen Unterhaltung in der Jugendhalle: „Hier spielte sich alles ab: Feste, Gesang, Boxkämpfe“, sagt Brendt, der dort viele Jahre Tischtennis spielte. Heute nutzt die Sportgemeinschaft die Halle mit der historischen Fassade an der Bahnhofstraße, eröffnet wurde die 1915. Um 1900 entstanden auch die benachbarten Häuser. Verschwunden sind inzwischen allerdings viele alteingesessene Geschäfte, bedauert Brendt. Der auch das Kneipensterben nicht versteht. Früher gab es knapp 40 Gaststätten. Doch vor wenigen Tagen begruben Bagger eine weitere unter ihren Schaufeln: das Türmchen am Baderweg. Statt Bier und Frikadellen, sagt Brendt, wird es Eigentumswohnungen geben. Über deren oftmals gleichen kantigen Stil klagen Heisinger mitunter, während Kaufwillige zuschlagen.

Geprägt ist Heisingen zudem von vielen kleinen Zechen-Reihenhäusern, die in den 1950ern entstanden. Carl Funke indes, der im Stadtteil zwei Zechen übernahm, baute seinen Arbeitern bereits 1901 eine Siedlung (Carl-Funke-Straße). „Er holte auch den ersten Arzt nach Heisingen.“ Am Ufer des Sees steht noch einer der beiden Fördertürme: Carl Funke I., stillgelegt 1973. In dem Jahrzehnt gab auch der letzte Landwirt seinen Hof auf.

„Heisingen ist aber ein Dorf geblieben“, sagt Jürgen Brendt. Das mache den Stadtteil heute noch liebenswert: „Heisingen muss man leben.“ Sein Wunsch fürs Dorf: „Eine richtig schöne, große Sporthalle.“

Auf der zweiten Seite des Artikels finden Sie amtliche Statistik zum Stadtteil und zu den Heisingern, das Stadtteil-Wappen und einige historische Eckdaten:

Heisinger Historie und Heisingen im statistischen Stadtteil-Vergleich

Bereits im siebten und achten Jahrhundert besiedelte der germanische Volksstamm der Brukterer das heutige Heisingen. Der Name bezieht sich auf eine „Lichtung im Buchenwald“, dem in der Römerzeit erwähnten Heissi-Wald. Früher hieß Heisingen etwa „Heisingi“ oder „Heisengen“. Das Haus Heisingen wurde erstmals bereits 796 erwähnt.

Der Stadtteil gehörte fast 1000 Jahre zur Abtei Werden. Nach der Säkularisation 1803 wurde es Teil von Kettwig, ab 1875 gehörte es zu Rellinghausen. 1910 wurde das Alte Rathaus am Hagmanngarten gebaut, das heute den Bezirksdienst der Polizei, die Parteien, Awo, eine private Bücherei sowie die Musikschule beherbergt. 1910 fing auch Heisingens Geschichte als selbstständige Gemeinde an. Die währte bis zum 1. August 1929, als Heisingen nach Essen eingemeindet wurde.

Mit Blick auf das Rathaus hat Jürgen Brendt einen Geheimtipp: Wenn die Tür offensteht, sollten Interessierte einen Blick in den alten Ratssaal wagen: Dort hängen drei Gemälde, die der ersten beiden Bürgermeister, Emil Hagmann (1910-19) und Hugo ten Hövel (1919-29), sowie eines von Carl Funke, auch sind massive Holzmöbel wie Tische und Stühle zu sehen.

Alle bisher veröffentlichten Folgen finden Sie auf unserem Spezial zur Serie / Folge 28: Südostviertel / Folge 27: Margarethenhöhe / Folge 26: Heidhausen / Folge 25: Haarzopf / Folge 24: Altendorf / Folge 23: Stoppenberg / Folge 22: Werden / Folge 21: Holsterhausen / Folge 20: Dellwig / Folge 19: Rellinghausen / Folge 18: Horst / Folge 17: Südviertel / Folge 16: Rüttenscheid / Folge 15: Byfang / Folge 14: Schuir / Folge 13: Karnap / Folge 12: Bredeney / Folge 11: Fischlaken / Folge 10: Kray / Folge 9: Leithe / 8: Nordviertel / 7: Kettwig / 6: Frohnhausen / 5: Altenessen / 4: Kupferdreh / 3: Vogelheim / 2: Schönebeck / 1: Heisingen / zur Galerie mit allen Essener Stadtteil-Wappen

 

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