Hebammen demonstrieren in Essen gegen Versicherungskosten

Die Essener Hebamme Brigitte Bremer (li.) mit Baby Leo und Mutter Daniela van Kell. Wegen stark gestiegener Versicherungskosten ist der Beruf in Gefahr.
Die Essener Hebamme Brigitte Bremer (li.) mit Baby Leo und Mutter Daniela van Kell. Wegen stark gestiegener Versicherungskosten ist der Beruf in Gefahr.
Foto: WAZ FotoPool
Wegen sprunghaft gestiegener Versicherungskosten bangen Hebammen auch in Essen um ihre Existenz. Die Beiträge zur Berufshaftpflicht sind seit 2003 um das circa Zehnfache explodiert. Am Mittwoch wollen die Frauen in der Innenstadt protestieren.

Essen. Für die Hebammen läuft es auch in Essen nicht gut. Seit Jahren steigen die Beiträge zur Berufshaftpflicht; lagen sie im Jahr 2003 noch bei rund 500 Euro, so sind sie aktuell rund zehn Mal so hoch. Nun verschärft sich die Lage, „denn die Nürnberger Versicherung ist aus dem Konsortium, bei dem unsere Berufshaftpflicht besteht, ausgestiegen.

Damit laufen unsere Versicherungen zum 1. Juli 2015 aus“, sagt Brigitte Bremer, die im Beginenhof mit Berufskolleginnen das Rüttenscheider Hebammenteam betreibt und nun fürchtet, bald schließen zu müssen. Die Krux: Ohne Berufshaftpflicht dürfen Hebammen nicht praktizieren.

Mit 8,50 Euro pro Stunde schlecht honoriert

Dabei kann sich Brigitte Bremer über Mangel an Arbeit nicht beklagen. Sie hilft Babys auf die Welt, betreut Mütter und unterstützt Väter. Die Einsätze sind schlecht planbar. Mal kommt ein Kind vor dem errechneten Geburtstermin, dann Tage später. Das bedeutet ständige Erreichbarkeit auch nachts, verbunden mit hoher fachlicher Kompetenz, die mit 8,50 Euro pro Stunde schlecht honoriert wird. „Davon konnten wir schon kaum die gestiegene Berufshaftpflicht zahlen“, sagt Bremer. Die Folge: Rund 20 Prozent der bundesweit etwa 30.000 Hebammen gab seit Anstieg der Beitragssätze den Job auf. Viele Essener Mütter muss Bremer schon jetzt abweisen, denn einige Tätigkeiten kann sie einfach nicht mehr kostendeckend anbieten.

Auch Katja Makowska kennt das Problem. Sie arbeitet in Teilzeit als festangestellte Hebamme im Elisabeth-Krankenhaus und ist zusätzlich freiberuflich tätig. Ob sie zur Allianz wechseln würde, die als einzige Versicherung eine Alternative anbietet? „Das ist noch teurer als die Beiträge, die wir jetzt zahlen müssen.“ Bei rund 10.000 Euro jährlich für die Allianz-Berufshaftpflicht müsste auch sie die freiberufliche Tätigkeit aufgeben.

„Da ist das Gesundheitsministerium gefordert“

Doch das Problem trifft nicht nur niedergelassene Hebammen. Zwar betont die Uniklinik, man habe fest angestellte Kräfte und könne damit die Versorgungssicherheit gewährleiten – doch hat die Uniklinik darüber hinaus wie andere Häuser auch Verträge mit Beleg-Hebammen. Elternschulen, Pekip-Kurse, Still-Cafés und Ernährungsberatung. Viele Angebote, die die Essener Krankenhäuser werdenden Eltern machen, gehen über die reine Versorgung des Klinikbetriebs hinaus. Sie werden als freiberufliche Leistungen abgerechnet – bis die Berufshaftpflicht ausläuft.

Ein Problem, das zwar auf kommunaler Ebene starke Auswirkungen zeigen dürfte, auf dieser Ebene jedoch nicht zu lösen ist. „Da ist das Gesundheitsministerium gefordert“, sagt Bremer. Den Krankenhäusern, so ein Essener Branchenkenner, sind jedenfalls die Hände gebunden. Übernehme man für die Hebammen die Berufshaftpflicht, laufe man Gefahr, gegen das Wettbewerbsgesetz zu verstoßen, denn man binde damit Geburten ans eigene Haus.

Auch betroffene Familien sind aufgerufen

Um mobil zu machen in dieser verfahrenen Situation und in Politik und Gesellschaft ein Bewusstsein zu schaffen für den drohenden Ausfall in der Schwangeren-Begleitung und in der Geburts-Nachsorge, haben die Essener Hebammen eine Mahnwache organisiert, die am Mittwoch ab 16 Uhr auf dem Willy-Brandt-Platz stattfindet. Neben Hebammen sind auch betroffene Familien aufgerufen, sich daran zu beteiligen.

Derzeit sorgt eine junge Mutter aus Münster mit einer Online-Petition für Aufsehen. „Wir haben zwar auch schon Unterschriften gesammelt und über das soziale Netzwerk Facebook viele Solidaritätsbekundungen bekommen“, sagt die Essener Hebamme Brigitte Bremer. Doch die Reichweite der Online-Petition hatte dies nicht. Bis gestern 18 Uhr erklärten sich mit der am 15. Februar von Bianca Kasting online gestellten Petition „Rettet unsere Hebammen“ 318 511 Menschen solidarisch. Es war die am schnellsten wachsende Petitionsseite seit es „change.org“ in Deutschland gibt, so der Betreiber. Weitere 133 798 Unterstützer fand bereits eine ähnliche Online-Petition vor drei Monaten.

 
 

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