Hauptverdächtiger in der Essener Kanal-Kartell-Affäre begeht Selbstmord

Janet Lindgens
Der Verstorbene galt als einer der Hauptverdächtigen bei den Stadtwerken. Er gab der Stadtwerke-Führung möglicherweise mit entscheidende Hinweise, wie das Kartell arbeitete.
Der Verstorbene galt als einer der Hauptverdächtigen bei den Stadtwerken. Er gab der Stadtwerke-Führung möglicherweise mit entscheidende Hinweise, wie das Kartell arbeitete.
Foto: Stephan Happel
Ein in der Kanal-Affäre verdächtiger Mitarbeiter der Stadtwerke Essen hat sich das Leben genommen. Ihm war nach dem Auffliegen des Kartells gekündigt worden. Der Vorstand der Stadtwerke zeigte sich schockiert, wies aber die Schuldfrage von sich.

Essen. Es ist eine Nachricht, die die Stadtwerke schockiert hat: Ein in der Kanal-Kartell-Affäre unter Verdacht stehender Mitarbeiter hat sich am Samstag das Leben genommen. Das bestätigten die Stadtwerke auf Nachfrage. Der Mann hinterlässt nach Informationen dieser Zeitung eine Frau und zwei erwachsene Kinder.

Dem langjährigen Stadtwerke-Beschäftigten, der als Bauführer tätig war, war im Februar, kurz nachdem das Kartell aufgeflogen war, zunächst fristlos gekündigt worden. Später wurde die fristlose Kündigung vor dem Arbeitsgericht jedoch in eine ordentliche Kündigung umgewandelt.

Stadtwerke haben kein Schuldgefühl

Stellt sich für den Stadtwerke-Vorstand nun die Schuldfrage? „Uns hat die Nachricht zutiefst getroffen, aber wir haben kein Schuldgefühl“, sagte Stadtwerke-Sprecher Dirk Pomplun. Niemand habe mit einer solchen „Kurzschlussreaktion“ gerechnet. „Wir hätten nie einen solchen Schritt unternommen, wenn so etwas abzusehen gewesen wäre“, betonte Pomplun. Dennoch habe man die Kündigung aussprechen müssen, nachdem sich der Mitarbeiter offenbart hatte. „Wir hatten keine andere Wahl“, betont Pomplun.

Die Stadtwerke-Spitze selbst hatte die Mitarbeiter aufgefordert, an der Aufklärung aktiv mitzuwirken. Der Verstorbene galt als einer der Hauptverdächtigen bei den Stadtwerken. Er gab der Stadtwerke-Führung möglicherweise mit entscheidende Hinweise, wie das Kartell arbeitete. Er war der einzige Mitarbeiter, dem nach Bekanntwerden des Kanal-Kartells gekündigt wurde. Drei weitere unter Verdacht stehende Mitarbeiter wurden damals beurlaubt.

Nach Kündigung in medizinischer Behandlung

Kollegen beschreiben ihn als zurückgezogenen Menschen. Er soll nach der Kündigung in medizinischer Behandlung gewesen sein. Man sei nicht mehr an ihn herangekommen, heißt es aus Mitarbeiterkreisen. Die Stadtwerke haben angekündigt, die Hinterbliebenen zu unterstützen – beratend und möglicherweise auch finanziell. „Wir stehen mit der Familie in Kontakt“, so Pomplun.

Nach mehrmonatigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war das Kartell Ende Januar dieses Jahres aufgedeckt worden. 14 Firmen – die meisten aus Essen – sollen darin verwickelt gewesen sein. Die Unternehmen sollen bereits in der Planungsphase über interne Preiskalkulationen der Stadtwerke informiert worden sein und konnten so ihre Angebote passgenau zuschneiden. Die Staatsanwaltschaft hatte den Schaden allein für die Aufträge in den Jahren 2010 und 2011 auf vier Millionen Euro geschätzt. Die Ermittlungen dauern seither an und können sich noch Monate hinziehen.