Hartz IV wird in Essen immer öfter zur Sackgasse

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  • In Essen beträgt die durchschnittliche Arbeitslosigkeit 443 Tage
  • Das ist ein Negativspitzenwert in NRW
  • Viele Arbeitslose haben nicht die Qualifikation, die Unternehmen suchen

Essen.. Hartz IV entwickelt sich für arbeitslose Menschen in Essen immer mehr zur Sackgasse, aus der sie nicht mehr herauskommen. Wohlfahrtsverbände und Gewerkschafter fordern deshalb ein Umdenken bei der Arbeitsmarktpolitik – nach dem Motto: besser Arbeit finanzieren statt Arbeitslosigkeit.

Wie eine aktuelle Auswertung der Freien Wohlfahrtspflege zeigt, dauert es in Essen mittlerweile 443 Tage, bis ein Hartz-IV-Empfänger in Arbeit vermittelt wird bzw. sich beim Jobcenter wieder abmeldet. Vor fünf Jahren betrug die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit noch 392 Tage. Essen belegt damit unter den untersuchten Regionen in NRW den vorletzten Platz, nur Langzeitarbeitslose in Recklinghausen sind mit 454 Tagen noch schlechter dran. Der Durchschnitt in NRW beträgt 348 Tage.

"Arbeitslosenversicherung verliert ihre Schutzfunktion"

Die Zahlen zeigen, dass die Vermittlung von Hartz-IV-Empfängern in Essen besonders schwierig ist. Arbeitslose, die weniger als ein Jahr arbeitslos sind und von der Arbeitsagentur betreut werden, finden im Schnitt nach 105 Tagen und somit vier Mal schneller wieder einen Job. „Aus der Hartz-IV-Falle kommt kaum jemand raus. Besonders im Ruhrgebiet haben es die Menschen schwerer, wieder Fuß zu fassen“, sagt Jürgen Holtkamp von der Caritas im Bistum Essen.

Selbst wenn sich Hartz-IV-Empfänger beim Jobcenter abmelden, geschieht das in den wenigsten Fällen, weil sie Arbeit oder eine Ausbildung gefunden haben. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, fanden im Mai nur elf Prozent eine Arbeit, 39 Prozent begannen eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme. Das können Qualifizierungen oder Ein-Euro-Jobs sein. Immerhin 37 Prozent verabschiedeten sich in die Nichterwerbstätigkeit, widmen sich Erziehung oder Pflege, erhalten dann aber auch kein Geld mehr vom Jobcenter. Im Gegenzug fällt in Essen mittlerweile fast jeder Dritte (31,6 Prozent), wenn er arbeitslos wird, direkt in Hartz IV. „Die Arbeitslosenversicherung verliert für viele Erwerbstätige ihre Schutzfunktion“, meint Holtkamp.

"Es ist Zeit, neu zu denken"

Beim Jobcenter Essen sieht man als Grund für die gestiegene Dauer der Arbeitslosigkeit unter anderem die hohen Anforderungen, die heute an viele Arbeitsplätze gestellt werden. Fast 60 Prozent der Jobs in Essen würden sich an Fachkräfte richten, 15 Prozent an Experten und gar 13 Prozent an Spezialisten. Nur 13 Prozent seien Helfertätigkeiten. Dagegen hätten viele Langzeitarbeitslose Defizite bei der Qualifikation. Von den knapp 29.000 Arbeitslosen beim Jobcenter hatten 2015 rund 37 Prozent keinen Schulabschluss, ein Großteil keine abgeschlossene Berufsausbildung. „Solche Menschen brauchen längerfristige Förderketten“, heißt es beim Jobcenter. Doch diese sind in den vergangenen Jahren immer stärker gekürzt worden.

Wie Holtkamp fordert daher auch der Essener DGB-Chef Dieter Hillebrand einen Passiv-Aktiv-Transfer. Bei diesem Modell, das u.a. in Baden-Württemberg mit Erfolg getestet wird, werden mit Hartz-IV-Mitteln sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze finanziert. „Aus dem System heraus wird sich an der hohen Langzeitarbeitslosigkeit in Essen nichts ändern“, sagt Hillebrand. „Es ist Zeit, neu zu denken.“

 

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