Hannah Arendt und das „Fröschlein“

Frank Stenglein
Foto: WAZ Fotopool
Edna Brocke, früher Leiterin der Alten Synagoge, ist zum Start der Film-Biografie mal wieder in Essen. Sie ist eine Großnichte der berühmten Philosophin.

Essen. Es kommt nicht mehr oft vor, dass Edna Brocke nach Essen kommt. Die langjährige frühere Leiterin der Alten Synagoge lebt abwechselnd in Tel Aviv und Krefeld, und hat zu ihrer früheren Wirkungsstätte ein eher distanziertes Verhältnis. Aber der heutige Anlass ist ein besonderer: Zur Deutschland-Premiere des Films „Hannah Arendt“ in der Lichtburg ist Edna Brocke eingeladen und hat gerne zugesagt.

"Fröschlein" war Edna Brockes Kosename

Denn was auch in Essen viele nicht wissen: Brocke ist eng mit der jüdischen Philosophin verwandt, Hannah Arendts Mutter und Brockes Großmutter väterlicherseits waren Schwestern, Brocke selbst hat seit ihrem zwölften Lebensjahr bis zu Arendts Tod 1975 engen Kontakt zu ihr gepflegt. „Fröschlein“ nannte die Philosophin ihre Großnichte, als diese Kind war.

Edna Brocke soll heute im Kino ein paar Sätze sagen, hat den Film vorab bereits gesehen und ist voll des Lobes: „Ein Lehrstück über das politische Denken“ sei Regisseurin Margarethe von Trotta gelungen, ein bemerkenswert gründlicher, anspruchsvoller Film in einer Zeit, die nach Ansicht Brockes eher auf das Schnelllebige, leicht Konsumierbare setzt. Wer das Leben von Hannah Arendt in den historischen Kontext einordnen könne, werde den „unbedingt empfehlenswerten“ Film jedenfalls mit Gewinn sehen, urteilt Brocke.

Die Banalität des Bösen

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Hannah Arendt als Beobachterin des Prozesses gegen Adolf Eichmann, der die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte und 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien aufgespürt wurde. Ihre damals revolutionäre These: Mentalität und Handeln des SS-Obersturmbannführers offenbarten nichts Monsterhaftes, sondern schlicht „die Banalität des Bösen“.

Gemeint war: Viele ganz normale Menschen könnten zum Eichmann werden, weil sie gedankenlos und frei von Skrupeln ihre Arbeitskraft und ihre Talente in den Dienst eines totalitären Regimes stellen - etwa um sich zu bereichern, Karriere zu machen oder auch nur um ihren Vorgesetzten zu gefallen.

"Eichmann war ein Hanswurst"

Mancher hielt dieses zutiefst skeptische Menschenbild in Kontext des Nationalsozialismus für verharmlosend. „Ich halte diese These nach wie vor für richtig“, sagt Edna Brocke. „Eichmann war ein Hanswurst, wie Hannah Arendt ihn nannte, ein klassischer Bürokrat.“ Von diesem Typus habe sie selbst in ihrem Berufsleben einige kennenlernen dürfen, ohne dass sie diese Bemerkung exklusiv auf Essen gemünzt wissen will.

Brocke räumt aber ein, dass das Wort missverständlich sein kann. Hannah Arendt sei jedenfalls auch an der heftigen Kritik innerlich zerbrochen. „Ich glaube, dies war mitverantwortlich für ihren frühen Tod.“