Gymnasien in Essen öffnen sich der Idee der Inklusion

Christina Wandt
Unter dem Motto "Gymnasium Borbeck - bunter war es nie" feierten Schüler , Eltern , Lehrer und Verwandte im Juni des vergangenen Jahres ein tolles Fest.
Unter dem Motto "Gymnasium Borbeck - bunter war es nie" feierten Schüler , Eltern , Lehrer und Verwandte im Juni des vergangenen Jahres ein tolles Fest.
Foto: WAZ FotoPool
Zum kommenden Schuljahr nehmen zwei Realschulen und zwei Gymnasien in Essen Kinder mit (Lern)behinderungen auf. Lernen müssen nun auch die Lehrer. Die Förderschulen sollen aber erhalten bleiben, sagt der Essener Schuldezernent Peter Renzel.

Essen. Für einige Eltern ist es einfach eine gute Nachricht, bei anderen wird sie für Verunsicherung sorgen: Gleich vier weiterführende Schulen öffnen sich im kommenden Schuljahr für Kinder mit (Lern-)behinderungen. Sie helfen, eine UN-Richtlinie umzusetzen, nach der behinderte Kinder das Recht haben, eine Regelschule zu besuchen.

Inklusion nennt man diese völlige Teilhabe, die viele der Kinder längst in der Grundschule erleben. „Doch bisher tat sich nach der Grundschule für viele von ihnen eine Lücke auf: Sie mussten an eine Förderschule wechseln“, sagt Schuldezernent Peter Renzel. Die Realschule Essen-West, die Geschwister-Scholl-Realschule sowie die Gymnasien Borbeck und Überruhr sorgen nun dafür, dass diese Lücke geschlossen wird: Sie nehmen je fünf Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf.

Unesco-Schule legt Wert auf Miteinander

„Das ist eine Aufgabe, die das Kollegium fordern wird“, weiß Gabriele von Heymann, die das Gymnasium Überruhr leitet. Es habe unter den gut 80 Kollegen einige Kritiker gegeben; einsetzen werde sie in der integrativen Klasse nur die, „die das wirklich wollen“. Als Unesco-Schule lege man viel Wert auf das Miteinander und gebe auch schon mal Schülern ohne Gymnasialempfehlung eine Chance. „Aber die Kinder mit Förderbedarf sollen ja nicht das Abi schaffen.“

Das müsse man den Eltern der anderen Schüler vermitteln, betont die Leiterin des Gymnasiums Borbeck, Ursula Alsleben. Schließlich gebe es Kinder, die nach der Erprobungsstufe das Gymnasium verlassen müssen, weil sie nicht die nötigen Leistungen erbringen. Schülern mit Förderbedarf droht das nicht. „Sie fahren auf einem anderen Ticket.“ Sprich: Sie haben anderes Lehrmaterial, andere Lernziele. Wobei sich das gymnasiale Lernumfeld auf manche gewiss stimulierend auswirke, glaubt Alsleben. Und die anderen Schüler lernten Tugenden wie Rücksicht.

Hand in Hand mit Sonderpädagogen

Lernen müssen nun auch die Lehrer: Wie arbeite ich mit einem Sonderpädagogen zusammen, wie läuft die Benotung, wie stelle ich eine Klassenarbeit. Viele Kollegen haben darum an anderen Schulen hospitiert. So Benjamin Bouillon, der dem Kompetenzteam der Realschule West angehört: „Als ich da tippen sollte, welcher Schüler Förderbedarf hat, lag ich daneben.“

Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten gebe es ja auch an den Regelschulen, betont Klaus Rakers, der stellvertretende Rektor der Geschwister-Scholl-Realschule: „Das ist kein völliges Neuland für uns, und unser Kollegium ist sehr motiviert.“

Schuldezernent Renzel hofft darauf, dass diese Motivation ansteckend ist: „Alle 180 Essener Schulen sollen Orte der Inklusion werden.“ Das sei aber nicht das Aus der Förderschule: „Für manche Kinder bleibt sie der bessere Lernort.“

Von der Revolution zur Normalität

Die Revolution fand bereits statt: Im Jahr 2011 öffnete sich das Alfred-Krupp-Gymnasium in Frohnhausen für (lern-)behinderte Kinder. „Davor gab es nur an Haupt- und Gesamtschulen integrative Gruppen“, so Schuldezernent Peter Renzel. „Angesichts der guten Erfahrungen in Frohnhausen, sage ich: Das wird nun Normalität.“

Bisher bieten in Essen sieben weiterführende Regelschulen insgesamt 51 Plätze für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, im nächsten Schuljahr kommen die Geschwister-Scholl-Realschule, die Realschule Essen-West sowie die Gymnasien Borbeck und Überruhr mit je fünf Plätzen für Kinder mit Förderbedarf dazu. Sie werden in Klassen mit maximal 20 bis 22 Schülern und oft mit zwei Lehrkräften unterrichtet.

Von den 113 Kindern mit (Lern-) behinderung, die in der 4. Klasse einer Grundschule sind, wollen 72 ab August weiterführende Regelschulen besuchen. „Nun haben wir genug Plätze“, sagt Renzel. „Früher entschied das Los, heute entscheidet der Elternwunsch. Das macht uns als Schulträger glücklich.“