Grüne Hauptstadt könnte eine Chance für „Zweite Stadt“ sein

Tobias Appelt
Nicht nur über Tage sondern auch unter Tage befinden sich auf Zollverein immer noch riesige Anlagen.
Nicht nur über Tage sondern auch unter Tage befinden sich auf Zollverein immer noch riesige Anlagen.
Foto: WAZ FotoPool
Wie Essen die Jury des Wettbewerbs „Grüne Hauptstadt“ in Kopenhagen überzeugen will, ist noch ein großes Geheimnis. Eine Idee im Essener Rathaus: Das Projekt „Zweite Stadt“ könnte wiederbelegt werden. Das Vorhaben, einen Schacht unter Zollverein zu erschließen, war im Kulturhauptstadtjahr gescheitert.

Essen. Wie genau Essen die Jury in Kopenhagen überzeugen will, ist noch ein großes Geheimnis. Fest steht, das von Oberbürgermeister Reinhard Paß und Umweltdezernentin Simone Raskob angeführte Team will die Juroren am Montag mit pfiffigen Ideen und Projekten überzeugen. Und „ein paar Ideen“ sind im Rathaus bereits laut gedacht worden: So könnte etwa das im Kulturhauptstadtjahr gescheiterte Projekt „Zweite Stadt“ auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein wiederbelebt werden.

„Die ,Zweite Stadt’ auf Zollverein soll endlich entstehen“, sagte Umweltdezernentin Raskob. „Sie ist 2010 nicht an den Finanzen gescheitert, die 7,5 Millionen Euro für die publikumswirksame Erschließung des Schachtes lagen vor. Es hat damals an den Personen gelegen.“ Würde das Projekt nun erneut in Angriff genommen, ginge ein Traum des Ruhrmuseums in Erfüllung, sagte Raskob.

„Ein Museum, 1000 Meter unter Tage, das wäre natürlich eine absolute Sensation“, pflichtet Museumsdirektor Theo Grütter bei. „Damit könnten wir uns weltweit einen Namen machen.“

Ambitioniertes Projekt in 2010

Ein Rückblick: Das Projekt „Zweite Stadt“ gehörte bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt zu den ambitioniertesten Projekten überhaupt. Alte Schächte und Stollen der Zeche Zollverein sollten zum Besucherbergwerk umgebaut werden – und für mindestens fünf Jahre in Betrieb bleiben. Gäste sollten nach einem Kleiderwechsel in der Kaue mit einem Aufzug auf Schacht 1/2/8 in 1000 Meter Tiefe einfahren, dann die rund 900 Meter lange Verbindung zu Schacht 12 entlanggehen, Lichtkunst und riesige Wasserpumpen bestaunen, und schließlich per Förderkorb am Doppelbock-Gerüst wieder ans Tageslicht kommen. Gutachter gingen davon aus, dass dieses Angebot sehr gut angenommen würde: Sie prognostizierten 200 000 Besucher pro Jahr, zu Zeiten besonderer Ausstellungen rechneten sie sogar mit 600 000 Besuchern.

StadtgrünDie Planungen waren weit voran geschritten, selbst der Ticketpreis stand schon fest: 17 Euro sollte der Unter-Tage-Spaziergang kosten. Als das Kulturhauptstadtjahr aber immer näher rückte, mehrten sich die Zweifel, dass sich das Projekt „Zweite Stadt“ überhaupt realisieren lässt. Neun Monate vor der Eröffnungsfeier hieß es bereits: „Es fehlen mehrere Millionen Euro, um das Vorhaben umzusetzen.“ Sechs Monate vor Beginn von „Ruhr.2010“ drohte dann das endgültige Aus: „Angesichts des Planungsstands und der Risiken stellt die RAG-Stiftung für das Projekt „Zweite Stadt“ keine Mittel bereit“, sagte ein Sprecher der Stiftung, die zuvor noch als potenzieller Haupt-Geldgeber gehandelt worden war.

Betrieb nicht gewährleistet

Und Mitte August 2009 stand dann endgültig fest: Die Grubenfahrt findet nicht statt. „Allen Beteiligten ist es schwer gefallen, sich von diesem Projekt endgültig zu verabschieden“, gab Ruhr.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen zu. Ein langfristiger Unter-Tage-Betrieb sei nicht zu garantieren – und vor diesem Hintergrund seien Kosten von 7,5 Millionen Euro und die dafür geltenden Förderbedingungen der öffentlichen Hand nicht zu gewährleisten.

Subventionen vom Land hätte es nur gegeben, wenn die „Zweite Stadt“ mindestens zehn Jahre betrieben worden wäre. Unklar war aber stets, ob der geplante Besucher-Parcours in 1000 Metern Tiefe nach zehn Jahren überhaupt noch existieren würde: Dort unten stehen riesige Pump-Anlagen, die jährlich 7,8 Millionen Kubikmeter Grubenwasser abpumpen. Wenn aber künftig die letzten Bergwerke schließen, könnte es sein, dass unter Zollverein weniger Wasser abgepumpt werden muss – oder von einer anderen Sohle aus.

Dennoch, sollte Essen grünes Licht für die „Grüne Hauptstadt“ bekommen, könnte die „Zweite Stadt“ auch ihre zweite Chance erhalten. Und falls nicht, hält Museums-Chef Grütter einen Plan B für denkbar: „Wir sollten nachdenken über eine große Ausstellung zum Thema ,Das Zeitalter der Kohle’. Auch damit ließe sich wunderbar zeigen, wie sehr sich Essen und das Ruhrgebiet zu einer grünen Hauptstadt entwickelt haben.“