Gründungsrektor der Uni Duisburg-Essen geht in den Ruhestand

Professor Lothar Zechlin verabschiedet sich von der Uni - geht aber nicht so ganz Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
Professor Lothar Zechlin verabschiedet sich von der Uni - geht aber nicht so ganz Foto: Sebastian Konopka / WAZ FotoPool
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Lothar Zechlin verabschiedet sich in den Ruhestand: Als Gründungsrektor war er für die Fusion der Universität Duisburg-Essen verantwortlich. Studenten schätzen ihn als Professor für Öffentliches Recht. Er selbst sagt: "Als Alleinherrscher hätte ich es nicht geschafft."

Essen.. Wir haben uns im Café an der Rüttenscheider Straße verabredet und bitten Kellnerin Sandy Albrink, Professor Lothar Zechlin zu uns an den Tisch zu lotsen. „Den von der Uni?“ fragt die 24-Jährige und nickt, als Lothar Zechlin schon Platz nimmt.

Gerade hat er sich an der Universität Duisburg-Essen verabschiedet, deren Gründungsrektor und Rektor er bis 2006 gewesen ist. Seine Aufgabe: Die Fusion, um „die Leistungsfähigkeit zu steigern.“ Der Weg dahin bedeutete eine Gratwanderung zwischen Stabilität und Veränderung, beschreibt Zechlin. Für ihn eine Phase mit viele Entscheidungen und enormen Zeitdruck. Die Führung zu übernehmen, das liege ihm aber, weil er gern die Interessen einer Organisation vertrete („Ich war früher Klassensprecher“).

Bei seiner Aufgabe waren ihm die Gefahren durchaus bewusst. Er wäre gescheitert, sagt er, hätte er als Alleinherrscher von oben durchregiert oder sich in reiner Moderatorenrolle verzettelt. Er sei kommunikativ, wolle die Menschen mitnehmen und überzeugen. Auch wenn eine Führungs-Position manchmal bedeute, „den Kopf aus dem Fenster zu hängen und gegen die Mehrheit zu argumentieren.“ Was er durchaus tat, sagen Kollegen.

Fusion mit Eifersüchteleien

Das Problem der Fusion seien die zwei Städte gewesen. Es ging mitunter um lokale Identität verbunden mit Eifersüchteleien. „Ich glaube, die Fusion ist gelungen“, zieht Zechlin Bilanz. Heute empfinden sich die Wissenschaftler nicht mehr als Essener oder Duisburger, sondern als Historiker oder Physiker. Lothar Zechlin, der in Wiesbaden aufgewachsen ist, wohnt mit seiner Frau in Rüttenscheid („ein lebendiger, urbaner Stadtteil“), wo er seit längerem nach einer großen Altbauwohnung Ausschau halte. „Ich liebe die Essener Kinoszene, das Astra, Eulenspiegel und die Lichtburg.“

Nein, einen Kulturschock habe er im Ruhrgebiet nicht bekommen, als er damals aus Graz südlich der Alpen, einer Stadt mit vielen historischen Bauten, wechselte. Ein bisschen Sorge um die Lebensqualität hatte er durchaus, gesteht der 68-Jährige. Dabei kannte er zumindest Duisburg durch seinen Kommilitonen Eddy. Der war es auch, der früh das Bild des Ruhris für Lothar Zechlin prägte. Es war beim mündlichen Staatsexamen, als vier der sechs Prüflinge bereits durch die schriftlichen Aufgaben gefallen waren. Wer das war, verriet ihnen die Kommission zunächst nicht, erzählt der Professor. Er habe sich gewundert, wie Eddy das Angstszenario meisterte. Eddys Antwort später: „Ich hab’ nur gedacht, die armen anderen vier Schweine.“ Das spiegele das Selbstverständnis der Ruhrgebietler, die sich auf den Erfolg ihrer Arbeit verlassen, lernte Zechlin, der die Region wegen der Menschen mag. Die beiden hatten übrigens bestanden.

Als Jurist mutiert

Was er seinem Nachfolger Ulrich Radtke jetzt an der Uni hinterlässt: Eine gute Basis mit neuer Strategie, die überwacht und jeden Tag gelebt werden müsse. Eine offene Baustelle gebe es noch: der neue Essener Standort der Mathematiker, an dem bald Ingenieure aus Duisburg mit Lehramtsstudenten aus Essen vereint werden. „An einer der zehn größten Unis im Land, die wir durch die Fusion geworden sind“, sagt Zechlin. Die habe die Forschung gestärkt. Er selbst habe Glück gehabt: Nach seiner Zeit als Rektor wurde er 2008 Professor für Öffentliches Recht am Institut für Politikwissenschaften. „Ich habe einen der besten Berufe“, sagt Zechlin, weil er autonom eigene Arbeitsinhalte bestimmen könne. Und weil es für ihn keine Trennung gebe zwischen Beruf und privaten Interessen.

Dabei wollte er als Abiturient Journalist werden, später Germanistik studieren. „Dann wirst du Lehrer“, drohte sein Bruder und schlug Jura vor. Die reine Juristerei war für Zechlin zunächst Pflicht: „Spannend wurde sie in Verbindung mit anderen Disziplinen“, sagt Zechlin. Mit 27 hatte er das zweite Staatsexamen und seine Promotion abgeschlossen und entdeckte die Wissenschaft. Richter habe er nie werden wollen, ist aber überzeugt: „Ich wäre ein guter Anwalt geworden.“ Allein in der Familie fehlte es an freiberuflichen Vorbildern.

Wenn er nun Zeit hat, will er ein Buch schreiben (Die Führung von Hochschulen, ein Beispiel: Duisburg-Essen). Der Uni bleibt er zudem erhalten, übernimmt ein Seminar, später Vorlesungen etwa für Lehramtsstudenten: „Ich bin vom Juristen zum Sozialwissenschaftler mutiert“, sagt er lächelnd. Er hat wohl alles oder zumindest viel richtig gemacht: „Gehe ich heute über den Campus, ernte ich keine schiefen Blicke.“ Dabei müsse keiner mehr Rücksicht nehmen: „Ich habe ja keine Macht mehr.“ Die Studenten lobt er als zielstrebig, viele seien Bildungsaufsteiger: „Die wollen was erreichen.“ Und die Studenten, die fanden den Professor toll, erinnert sich Sandy Albrink an ihre erste Begegnung mit Lothar Zechlin, wendet sich an ihn: „Die Ringvorlesung war grausam, Sie waren gut.“ [kein Linktext vorhanden]

 
 

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