Große Koalition der Freien Szene

Foto: Fischer

403 000 Besucher hat die sogenannte Freie Szene im Jahr 2011 gezählt – 25 000 mehr, als die städtischen Veranstaltungen der Theater und Philharmonie begrüßen konnten. Dennoch fließen nur 3,5 Prozent des Kulturhaushaltes in die unabhängigen Häuser, Institutionen und Veranstaltungen. Dies will die Kulturelle Marketing-Initiative (KMI) Essen nun ändern: Sie fordert zehn Prozent des Kulturetats für die freie Szene – also 9,3 Millionen Euro von insgesamt 93 Millionen Euro.

Mit finanziellen Schwierigkeiten und mangelnder Anerkennung kämpft die Freie Szene in Essen schon lange. Doch auch in anderen Städten hat man ähnliche Probleme. Und so weckte eine Initiative aus Berlin das Interesse. „Dort hat sich vor zwei Jahren eine Koalition der Freien Szene gegründet“, erklärt KMI-Initiator Peter Christofolini. Dort werden regelmäßig kulturpolitische Forderungen diskutiert und formuliert, Konzepte entwickelt und Kampagnen organisiert. „Wir haben Kontakt zu den Berlinern und einer vergleichbaren Initiative in Hamburg aufgenommen“, erläutert Johannes Brackmann, Leiter des Steeler Kulturzentrums Grend.

Und so hat man nicht nur das Logo aus der Hauptstadt übernommen, das die zentrale Aussage „Freie Szene stärken“ in roten Buchstaben plakatiert. Johannes Brackmann hat zudem zusammen mit Peter Cristofolini und Uwe Schramm vom Kunsthaus Essen einen Forderungskatalog zusammengestellt, der an Entscheidungsträger und Presse gegangen ist. Auch was mit dem geforderten Geld geschehen soll, ist dort beschrieben: Unter anderem wünschen sich die Kulturmacher eine Stelle für Förderberatung und Fundraising, die ans Kulturbüro Essen angeschlossen sein soll. „Gerade viele junge und neue Akteure wissen oft gar nicht, welche Förderungsmöglichkeiten es gibt – und wie man an sie herankommt“, ist Brackmann überzeugt. Für eben solche neuen Initiativen und Gruppen solle auch ein Existenzgründertopf bereit stehen. Darüber hinaus wünschen sich die Kreativen eine Agentur, die zwischen Künstlern und Immobilienbesitzern leerstehender Gebäude und Räumen vermittelt. Nicht zuletzt solle ein Fond zur Förderung künstlerischer Experimente bereitstehen, denn: „Durch die finanziellen Zwänge sind wir oft genötigt, massentaugliche Stoffe zu produzieren“, so Brackmann. „Doch genau das wird uns wiederum oft zum Vorwurf gemacht.“

Dabei gehe es nicht darum, den städtischen Kulturinstitutionen wie dem Folkwang-Museum oder der Theater und Philharmonie etwas wegzunehmen, betont Brackmann: Vielmehr suche man den Schulterschluss. Denn nicht zuletzt generiere die Freie Szene auch für diese Einrichtungen Publikum, ist Kerstin Plewa-Brodam überzeugt: „Dadurch, dass wir in den Stadtteilen agieren und den Leuten dort Kultur auf Augenhöhe bieten, wecken wir bei vielen erst das Interesse an solcherlei Angeboten“, ist die Leiterin der Krayer Studio-Bühne überzeugt.

 
 

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