Golfer mit und ohne Handicap

Ralf Bockstedte sitzt seit über 20 Jahren im Rollstuhl – und ist begeisterter Golfspieler. Deshalb hat der Anwalt und Spielerberater zusammen mit dem Unternehmer Tilmann Meuser den Verein „Jeder hat ein Handicap“ ins Leben gerufen. Die beiden Essener wollen damit die Inklusion im Golfsport vorantreiben. „Wir wollen Vorurteile abbauen und den Golfsport öffnen“, sagt Meuser, der Chef einer Kommunikationsagentur.

Wenn Bockstedte seine Schläger packt und für eine Runde auf den Golfplatz geht, macht er das nicht in einem herkömmlichen Rollstuhl. Der Anwalt sitzt dann in einem sogenannten Paragolfer; breite Reifen, viel Technik. Darin kann er bequem über das Gelände fahren, beim Abschlag bringt ihn das Gerät in eine aufrechte Position. Unter anderem damit Paragolfer (so heißen auch die Sportler selbst) wie der Essener einen Golfplatz problemlos befahren können, haben er und Meuser zusammen mit dem Zertifizierer Eurecert ein Gütesiegel erarbeitet, das die Barrierefreiheit dokumentieren soll.

Auf Golfanlagen sind demnach breite Wege und Schutzhütten, in denen man sich bei Schlechtwetter unterstellen kann, verpflichtend – genauso wie die Möglichkeit eine kurze 9-Neun-Loch-Runde zu spielen. Allerdings fangen die Kriterien nicht erst auf dem Grün an: Der Parkplatz muss etwa für Rollstuhlfahrer gut zu befahren, der Zugang zum Clubhaus ebenerdig sein, auch die Toiletten und die Umkleiden müssen behindertengerecht gestaltet sein. Der Golfclub Hösel in Heiligenhaus, dort spielt Bockstedte regelmäßig, ist der erste und bisher einzige Club, der das Zertifikat des Vereins erhalten hat.

Geht nicht nur um Golf

Die Gründer der Initiative denken bei ihrem Engagement nicht nur an Menschen, die im Rollstuhl sitzen. „Es gibt zum Beispiel auch blinde Golfer“, erklärt Bockstedte. „Das Gütesiegel soll aber auch älteren Menschen ihren Sport erleichtern.“ Warum ausgerechnet der vermeintliche Elitesport Golf? Zunächst mal hat Bockstedte den Sport selbst für sich entdeckt, außerdem eigne er sich perfekt für die Inklusion, weil durch die Handicap-Regeln Menschen mit und ohne Behinderungen, Ältere und Jüngere, Fitte und weniger Fitte gemeinsam spielen können. „Das macht Golf einzigartig“, sagt der 44-Jährige. „Wir wollen auch dabei helfen, sein Image zu verbessern.“

Ihr Wirken wollen die beiden Essener zusätzlich über Golf hinaus verstanden wissen. „Je mehr Menschen Inklusion aktiv unterstützen und selbst vorleben“, sagt Meuser, „desto vorurteilsfreier und offener wird unsere Gesellschaft. Es geht auch um die Barrieren im Kopf.“

Für den Verein hat Meuser eine Menge prominenter Unterstützer zusammengetrommelt, unter anderem den ehemaligen Handballer Stefan Kretzschmar, den Fernsehmoderator Jörg Wontorra oder die Essener CDU-Bundestagsabgeordnete Jutta Eckenbach. Am zweiten Oktober veranstalten Meuser und Bockstedte eine Golf-Trophy in Heiligenhaus für Behinderte und Nicht-Behinderte.

Es ist das erste große Projekt des Vereins. In Zukunft plant „Jeder hat ein Handicap“ Aktionswochen auf Golfplätzen, will die teuren Paragolfer als Mietgerät zur Verfügung stellen und Zentren aufbauen, in denen behinderte und nicht behinderte Sportler gefördert werden. Zudem sollen weitere Anlagen barrierefrei umgebaut werden und das Zertifikat erhalten.

Beim Interviewtermin wuchtet sich Bockstedte mit dem Rollstuhl die Rampe hoch, recht steil geht es nach oben zum Eingang des Golfclubs in Heiligenhaus. Das soll so nicht bleiben.

„Bis zum Turnier wird die Rampe noch flacher gemacht“, verspricht Bockstedte.

 
 

EURE FAVORITEN

Warum sich die Polizei bei Fahndungen nicht direkt an die Öffentlichkeit wendet

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.
Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.

Beschreibung anzeigen