Bewährung im Waschlappen-Prozess

Essen. Mit einem Waschlappen wolte die 54-jährige Bewohnerin eines Kupferdreher Pflegeheimes ihre schreiende Bettnachbarin zum Schweigen bringen. Dafür wurde die Frau am Dienstag vor dem Essener Schwurgericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt.

Sie war mit ihren Nerven am Ende, wollte Ruhe, nur Ruhe, um am Samstagnachmittag, 28. Februar, die Fußballergebnisse im Radio zu hören. Die 54-jährige Bewohnerin eines Kupferdreher Pflegeheimes griff zum Waschlappen und stopfte ihn der schwer kranken, ständig schreienden Bettnachbarin in den Mund.

54-Jährige wollte Bettnachbarin "nur ruhig stellen"

Die plötzliche Stille rief einen Zimmernachbarn auf den Plan. Er entfernte den Lappen und informierte das Personal. Am Mittwoch stand die 54-Jährige wegen versuchten Totschlags vor dem Schwurgericht, das sie aber nur wegen gefährlicher Körperverletzung zu eineinhalb Jahren Haft mit Bewährung verurteilte.

Immer wieder greift die beleibte Angeklagte zur Wasserflasche. Sie habe die Nachbarin nicht töten wollen, sagt sie mehrfach, „nur ruhigstellen“. Ob sie das vorher mal gemacht habe, will Richter Andreas Labentz wissen. „An sich nicht“, ist ihre Antwort. Im Leben der Mutter von vier Kindern, zwei von ihnen kennt sie nicht, spielt Alkohol eine sehr bedeutende Rolle. Der extreme Missbrauch hinterließ bleibende Schäden, so dass sie seit 13 Jahren unter Betreuung steht und nicht alleine leben kann.

Schreien und Stöhnen rund um die Uhr

Im November 2008 landet sie im Kupferdreher Heim im Deilbachtal. Erst lebt sie im Einzelzimmer. Das verliert sie, weil sie trotz Verbots am Tag und in der Nacht im Zimmer raucht und Brandflecken auf der Bettwäsche hinterlässt. Sie kommt ins Doppelzimmer zu der schwer kranken und völlig unbeweglichen 84-Jährigen. „Kann ich nicht verstehen“, bemerkt Staatsanwältin Birgit Jürgens, wie dadurch Brandschäden zu verhindern sind.

Für die 54-Jährige bedeutete das Dauerstress über Monate, obwohl sie öfter protestierte und über Schlafmangel klagte. Zwar schwächt die stellvertretende Pflegedienstleiterin die Situation im Zimmer vor Gericht ab, aber Zeugen bestätigen die Angeklagte, sprechen von Schreien und Stöhnen der inzwischen verstorbenen 84-Jährigen nahezu rund um die Uhr. Dazu musste die alte Dame auch nachts mehrfach gepflegt werden, das weckte die Bettnachbarin. Dann der Tattag: „Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, formuliert Verteidiger Frank Karrenberg.

„Wir sind nicht hier, um über das Pflegeheim zu urteilen“, sagt Labentz, sondern „Ihr Handeln ist unser Thema“, wendet er sich an die 54-Jährige. Drei Tage nach dem Vorfall bekam sie eine neue Zimmergenossin, mit der es keine Konflikte geben soll. Psychiaterin Maren Losch hält die Angeklagte für nicht gefährlich. Ohne den Dauerstress wäre es nicht zu der Tat gekommen.

 
 

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