„Generation Elend“ stellt Stadt Essen und Hilfsorganisationen vor bislang ungelöste Probleme

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Eine stetig wachsende „Generation Elend“ stellt Stadt und Hilfsorganisationen vor bislang ungelöste Probleme. Um rund 600 junge Wohnungslose und Schulabgänger ohne Abschluss auffangen zu können, sollten vor eineinhalb Jahren möglichst schnell Hilfen aus einer Hand entwickelt werden. Bislang gibt’s allenfalls erste Hilfe-Skizzen.

Essen. Sie rutschen durch alle Maschen der Hilfen und landen oft unsanft auf der Straße: Eine stetig wachsende „Generation Elend“ stellt Stadt und Hilfsorganisationen vor bislang ungelöste Probleme. Um rund 600 junge Wohnungslose und Schulabgänger ohne Abschluss vor einem oft dramatischen Absturz in jahrzehntelange Bedürftigkeit auffangen zu können, sollten vor eineinhalb Jahren möglichst schnell Hilfen aus einer Hand entwickelt werden – für eine Gruppe von 18- bis 25-Jährigen, die streng genommen zu alt für die Jugendhilfe, zu jung fürs Sozialamt und deshalb schwer zu fassen ist. Die Erkenntnis, dass die Zahl der jungen Menschen, die unter Armut und Ausgrenzung leiden, stetig steigt, ist so alt wie die Hilflosigkeit, mit der das Hilfesystem bislang darauf reagiert.

Die soziale Uhr tickt

Ein Indiz dafür mag der Umgang des städtischen Jugendhilfe- und des Sozialausschusses mit einem ersten Konzept unter dem Titel „Junge Wohnungslose in Essen“ sein. Obwohl das ganze Thema aus Sicht der Politik ein angeblich drängendes ist, wurde es von beiden Gremien erst einmal an die angeblich ausgeprägtere Fachlichkeit so genannter Unterausschüsse verwiesen. Was heißt: Es wird erneut beraten, während die soziale Uhr tickt.

Immerhin, ein Anfang ist gemacht, erste Ideen – wenn auch ohne jede Kosten-Nutzen-Rechnung – sind formuliert: Um die jungen Menschen auf Sicht aus den Milieus der Wohnungslosenszene, der Prostitution oder der Drogenabhängigkeit zu befreien, könnte nach Ansicht der Stadt ein „Lotsensystem“ hilfreich sein. Zumindest für diejenigen der „Generation Elend“, die daran interessiert sind, ihr Leben zu ändern. Denn nicht alle der jungen Menschen, denen es nach Heim-, Drogen- und kriminellen Karrieren an Arbeitsmotivation, Zuverlässig-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit mangelt, verfügt nach Meinung der Sozialexperten über jene Voraussetzungen, die es tatsächlich braucht, um sich selbst aus ihrem Sumpf zu befreien.

Unterstützung durch Streetworker

Sie benötigen massive Unterstützung: So genannte Streetworker könnten nach Meinung der Helfer eingesetzt werden, um die Betroffenen dort abzuholen, wo sie sich häufig aufhalten – etwa in der Innenstadt. Beratung auf der Straße wäre genauso denkbar wie ein möglichst zentral gelegenes Büro als Andockstelle. Die Sozialarbeiter sollen zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Tuchfühlung gehen, sie an Hilfen weiterleiten, um am Ende ein Ziel zu erreichen: Dass sie wieder die Schule besuchen, eine Ausbildung beginnen oder in einen Beruf zurückfinden, wenn sie denn jemals einen hatten. Die Hilfen sollen schneller und ohne Umwege zu mehreren Ämtern bewilligt werden, was die Betroffenen regelmäßig überfordert.

Denn vielfach sind die jungen Menschen einer Sucht verfallen, psychisch krank, aus völlig desolaten Verhältnissen, haben hohe Schulden und Familien in „äußerst schwierigen Situationen“, die oft seit Generationen von Sozialleistungen leben. Sie selbst haben kaum eine andere Perspektive kennengelernt, halten Behörden, insbesondere die Jugendhilfe, für natürliche Feinde in ihrer Lebenswelt und „sind in ihrer prekären Situation nicht bereit, erzieherische Hilfen anzunehmen, die große Anforderungen hinsichtlich ihrer Motivation und Mitwirkungsbereitschaft stellen“.

Was für ein Elend

Die Betroffenen fühlen sich zudem schnell überfordert, was wiederum so gar nicht zu ihrer „massiven Selbstüberschätzung“ passen will. Eine Verweigerungshaltung macht sich breit, die oft existenzgefährdende Folgen hat in einem bislang nicht durchbrochenen Teufelskreis: Spielen sie nicht mit und erscheinen nicht zu den gesetzlich vorgeschriebenen Förder- und Beratungsangeboten des Jobcenters, werden ihre Alg II-Bezüge bis auf Null gekürzt. Ein Abgleiten in die Wohnungslosigkeit ist dann oft die Folge, ein „geeignetes Hilfesetting“ dagegen aber Fehlanzeige. Was für ein Elend.

 
 

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