Gäbe es die VHS nicht, müsste man sie gerade jetzt erfinden

Ein Blick zurück nach vorn: VHS-Direktorin Friederike Brunnbauer verabschiedet sich nach 17 Jahren vom Burgplatz.
Ein Blick zurück nach vorn: VHS-Direktorin Friederike Brunnbauer verabschiedet sich nach 17 Jahren vom Burgplatz.
Foto: WAZ FotoPool
Friederike Brunnbauer nimmt nach 17 Jahren Abschied von der Volkshochschule. Die Direktorin studiert jetzt wieder Kunstgeschichte. Stellvertreterin Elke Timm übernimmt bis auf weiteres die Leitung der Bildungsstätte am Burgplatz.

Essen.. Was sie am meisten vermissen wird, das weiß Friederike Brunnbauer heute schon: „Den Austausch, die Kommunikation.“ Der Blick aus dem Büro ist freilich auch nicht zu verachten, mit der traditionsreichen Lichtburg im Rücken, der Domkirche vis-à-vis und dem Burggymnasium zur Rechten. Wo einst die frommen Stiftsfrauen residierten, ist die Volkshochschule seit 2004 der zentrale Ort der Bildung. Dieses gläserne, offene und einladende Haus hat am Ende wohl ein gutes Stück dazu beigetragen, dass Friederike Brunnbauer so lange in Essen geblieben ist. „17 Jahre an einem Ort, das hätte ich mir für mein berufliches Leben anfangs nicht vorstellen können.“

Dass sie sich in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete, am Tag ihres 63. Geburtstag, hat auch damit zu tun, „dass man doch gehen soll, wenn einen die Leute noch zum Bleiben überreden wollen“, lächelt die gebürtige Westfälin. Alle Überredungskünste haben am Ende nicht gezogen, auch wenn die Nachfolgefrage derzeit noch nicht abschließend geklärt ist. Die kommissarische Leitung übernimmt fürs erste Brunnbauers Stellvertreterin Elke Timm. Dass es am Ende auf eine hausinterne Lösung hinausläuft, ist schon der laufenden Haushaltssperre geschuldet. Was Brunnbauer bedauert. Nicht, dass es keine geeigneten Nachfolger gibt. „Im Gegenteil, aber das würde meine Nachfolge doch enorm aufwerten, wenn man sich gegen bundesweite Konkurrenz durchgesetzt hätte.“

Neuansiedlung hat sich rasch bemerkbar gemacht

Dass der Neubau am Burgplatz Amt und Institution enorm aufgewertet haben, versteht sich. Brunnbauer hat den hart erkämpften Umzug von der Hollestraße als einmalige Chance verstanden. Denn vom Renommee der einst über Stadtgrenzen hinweg beachteten Anlaufstelle für Erwachsenenbildung am Rande der Stadt war Ende der 90er Jahre nicht mehr viel zu spüren. Die Neuansiedlung in der Innenstadt hat sich rasch in Zahlen bemerkbar gemacht. Von den zuletzt 60.000 Kunden pro Jahr ging die Zahl sofort auf 80.000 hoch und hat sich inzwischen bei rund 88.000 Nutzern jährlich eingependelt Ein Beweis, so Brunnbauer, dass der Umzug in die City richtig war. „Wir haben ja nicht nur ein neues Haus gebaut, sondern konnten auch die gesamte Organisation neu ausrichten.“ Modernität, Urbanität, Neuakzentuierung des Programmes und Durchlässigkeit für Neukunde, all das war ihr wichtig.

Dass sich am Burgplatz heute Menschen unterschiedlichen Alters, verschiedener Nationen und Bildungsgrade begegnen, das ist ihr wichtig. Man kann das Persönlichkeitsbildung nennen oder wie Brunnbauer auch sagt: „interkulturelles Miteinander.“

Bildungsanbieter mit Zukunft

„Bei uns kann man auch das interkulturelle Miteinander lernen“, sagt Brunnbauer all jenen, die von der Volkshochschule bisweilen etwas mehr Spezialisierung und weniger Breitenangebot fordern. Genau das zeichne die VHS doch aus, „dass sie ein großes Leistungsspektrum hat, aber kein Bauchladen ist.“ Der öffentliche Weiterbildungsauftrag ist für sie keine Worthülse, dazu gehören Sprachkurse für Ausländer ebenso wie digitale Malerei. Das Ganze evaluiert und amtlich zertifiziert, versteht sich.

Gleichwohl musste auch der größte öffentliche Weiterbildungsanbieter der Stadt infolge des strikten Sparkurses zuletzt arg Federn lassen, allein in 2013 wurden am Burgplatz 3000 Unterrichtsstunden gestrichen. Die Einschnitte waren hart, Spielraum für weitere Einsparungen sieht Brunnbauer nicht. „Jeder Euro, der in Weiterbildung angelegt wird, sorgt für ein gesundes Gemeinwesen,“ mahnt die 63-Jährige. Sie selbst will das Zukunfts-Gebot vom lebenslangen Lernen ernst nehmen und Kunstgeschichte studieren. Ihre alte Wirkungsstätte wird die humorvolle Querdenkerin und Hobby-Seglerin dabei auch aus der Distanz ihres Düsseldorfer Wohnortes nicht aus den Augen verlieren. Und dass die VHS Zukunft hat, sei ja keine Frage: „Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie gerade jetzt erfinden.“

 
 

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